Zwischen Neckar und Alb

Die Grünen ziehen mit der CDU gleich

Kreistagswahl Der große Wahlgewinner wird gemeinsam mit der Union zweitstärkste Kraft hinter den freien Wählern. SPD und Christdemokraten verlieren jeweils vier Sitze. Von Bernd Köble

Im Plenum liegen ihre Plätze nur wenige Schritte auseinander, gestern jedoch lagen Welten zwischen Marianne Erdich-Sommer und ihrer SPD-Kollegin Sonja Spohn. Die Grünen-Chefin und die führende Genossin im Kreisparlament machen diesen Job seit einer halben Ewigkeit. Weiter voneinander getrennt, was politischen Erfolg und persönliche Gefühlslage angeht, waren beide bisher nie. Nachdem erst am Abend die letzten Ergebnisse aus den 13 Wahlkreisen im Esslinger Landratsamt eingegangen waren, stand fest: Die Party der Grünen geht auch nach der vierten und letzten Auszählung von Stimmzetteln weiter. Die Grünen im Kreistag legen als einzige Fraktion fünf Sitze zu und sind erstmals gleichauf mit der CDU zweitstärkste Kraft hinter den Freien Wählern. Die erhielten zum zweiten Mal seit 2009 zwar die meisten Stimmen, verloren mit zwei von bisher 30 Sitzen aber ebenfalls an Boden.

Schmerzhaft sind die Verluste bei SPD und CDU, die jeweils vier Vertreter weniger entsenden. „Das ist bitter, keine Frage,“ sagt Sonja Spohn. „Ein Ergebnis, das unserer Arbeit im Kreistag nicht gerecht wird.“ Wie schon vor fünf Jahren musste die SPD-Frau - seit 13 Jahren Chefin der Fraktion - bis zuletzt zittern, ehe ihr Wiedereinzug per Ausgleichsmandat feststand. Auch CDU-Vize Sieghart Friz sieht sein Lager als Opfer eines Trends, der sich schon in Europa und in der Region abgezeichnet habe.

Leichte Gewinne verzeichnen FDP und Linke, die mit sechs beziehungsweise vier Mandaten jeweils einen Sitz mehr beanspruchen, während am rechten Rand vier AfD-Kandidaten per Ausgleichsmandat zum ersten Mal in den Kreistag einziehen. Das einzige Direktmandat für die neu vertretene AfD gab es in Esslingen. Die Republikaner dagegen, das war schon immer vor allem Ulrich Deuschle. Seit gestern heißt es: ausschließlich. Der Rep-Mann aus Notzingen behält den einzigen Sitz der Rechtsaußen-Partei.

Ob die Kreistagswahl dem allgemeinen Trend folgt oder ob hier Köpfe und Sachthemen das Wählerverhalten bestimmen, war die spannende Frage. Für Grünen-Chefin Marianne Erdrich-Sommer gilt beides: „Dass wir von der Gesamtstimmung auch im Kreis profitieren, ist völlig klar,“ sagt sie. Gleich drei Direktmandate sammelten die Grünen in den Wahlkreisen Kirchheim und Weilheim ein. Das beste Ergebnis vermeldet Esslingen mit 23,55 Prozent. Kirchheim liegt mit 20,42 Prozent an neunter Stelle. Glaubwürdig, jung und zu großen Teilen weiblich - für Erdrich-Sommer das Erfolgsrezept, mit dem man weit über die eigentliche Stammklientel hinaus gepunktet habe. Für die ehmalige Landtagsabgeordnete öffnet sich nach der Wahl ein weiteres politisches Feld: Gemeinsam mit Ehemann Hermann sitzt sie fortan auch im Wendlinger Gemeinderat - das gelockerte Kommunalwahlrecht macht‘s möglich.

Die eigentliche Stammklientel, die ist bei den Sozialdemokraten offenbar so leicht nicht mehr auszumachen. Ohne Urgestein Wolfgang Drexler, der in Esslingen mit 28 166 Stimmen zum wiederholten Mal das beste Einzelergebnis im Kreis einfuhr, ohne die beiden Rathauschefs der Großer Kreisstädte Christof Bolay (Ostfildern) und Angelika Matt-Heidecker, und ohne Wendlingens Verwaltungschef Steffen Weigel, sähe es für die Genossen zappenduster aus. „Das Thema soziale Gerechtigkeit ist zurzeit nicht en vogue,“ glaubt die Kirchheimer Oberbürgermeisterin, die mit 8 299 Stimmen erwartungsgemäß deutlich zum ersten Mal in den Kreistag einzieht. Als Regionalparlamentarierin der ersten Stunde hat sie sich die Themen Verkehr und Soziales auf die Fahnen geschrieben. Schließlich ist eine direkte S-BahnVerbindung von Kirchheim auf die Fildern ein heiß diskutiertes Thema zurzeit.

Bei den Freien Wählern dürfte die Bürgermeister-Riege rund um die Teck ein paar Bonuspunkte ins Heftchen geklebt bekommen haben. Allen voran Owens Bürgermeisterin Verena Grötzinger, die ihre beiden männlichen Kollegen Marcel Musolf (Bissingen) und Johannes Züfle (Weilheim) mit 12 121 Stimmen sogar noch weit überflügelte. Die Verwaltungsfachfrau mit den hohen Sympathiewerten war gestern Abend noch „ganz überwältigt“ vom Ergebnis. Aufgewachsen in Weilheim, hospitiert in Holzmaden, in Dettingen die Hörner abgestoßen und in Owen ihren Meister gemacht - man kennt sie halt rund um die Teck. Dass auch die Freien Wähler, die in Bissingen mit 59,41 Prozent ihr kreisweit bestes Ergebnis einfuhren, unterm Strich leichte Verluste erlitten, lässt sich laut Grötzinger verschmerzen. Nach den kräftigen Zuwächsen bei der Wahl vor fünf Jahren war klar, dass es so nicht weitergeht. „Ich bin froh und dankbar, dass unsere Arbeit gesehen und auch honoriert wird,“ sagt sie. „Um die Freien Wähler muss sich niemand sorgen.“

Info Die detailierten Ergebnisse für den gesamten Landkreis finden sich unter www.landkreis-esslingen.de/start/landkreis/kreistagswahl

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