Zwischen Neckar und Alb

Die Johanneskirche wird abgerissen

Umbau Anstelle der Kirche im Wendlinger Stadtzentrum entsteht ein Gemeindezentrum. Zudem wird die Bruderhausdiakonie auf dem Grundstück eine Tageseinrichtung für Menschen mit Behinderung bauen. Von Julia Theermann

Die Johanneskirche wird wohl am 15. März entwidmet.Foto: Bulgrin
Die Johanneskirche wird wohl am 15. März entwidmet. Foto: Bulgrin

Der charakteristische Turm und die Natursteinfassade der alten Johanneskirche bleiben im Wendlinger Stadtzentrum. Ein Zeichen, dass trotz des Neubaus die alte Kirche nicht vergessen wird. Und auch sonst sollen sich viele Elemente aus der bisherigen Kirche in dem Neubau wiederfinden, den die Kirchengemeinde gemeinsam mit dem Architekturbüro „Drei Architekten“ plant. So werden zum Beispiel ein Teil der Kirchenfenster, die Eingangstür sowie das Holzkreuz auch im neuen Gemeindezentrum Verwendung finden.

Die Idee für eine neue Kirche geht auf das Jahr 2006 zurück, sagt Hans-Georg Class, Erster Vorsitzender des Kirchengemeinderates. Damals sei die Fusion der evangelischen Kirchengemeinden von Unterboihingen und Wendlingen zwar begrüßt worden. „Aber der Oberkirchenrat wollte, dass wir uns Gedanken machen, was mit den zwei Gemeindehäusern und natürlich auch zwei Kirchen passiert.“ Beide Gemeindehäuser sind mittlerweile verkauft worden. In ihnen befinden sich jetzt Kindergärten. Fest stand auch, dass es für die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde besser sei, nur noch eine Kirche zu haben - in der Stadtmitte.

Ein Gutachten ergab, dass sich ein Aus- oder Umbau der alten Kirche nicht lohnen würde und eigentlich nur ein Neubau in Frage kommt. Außerdem wäre es ein finanzieller Kraftakt, das ganze Areal alleine zu bewirtschaften. „Es ist also sinnvoll, sich einen Partner an Bord zu holen“, so Class. Im Fall der Kirchengemeinde ist das die Bruderhausdiakonie aus Reutlingen. Sie soll einen Teil des Gebäudes pachten, um dort eine Tageseinrichtung für Menschen mit Behinderung zu betreiben. Der Bauantrag liegt bereits beim Esslinger Landratsamt. „Man ist auf einem guten Weg“, so Class.

Doch es war kein leichter Weg. „Der Prozess dauert schon zehn Jahre. Auch, weil wir uns intensiv mit den Baugegnern auseinandergesetzt haben“, so Class. Zahlreiche Wendlinger - unter anderem die Erbauer der Kirche - haben sich gegen einen Neubau gewehrt. „Ich kann gut verstehen, dass man eine Kirche erhalten will, in die man sein Herzblut gesteckt hat.“ Um das Jahr 2015 kamen die Planungen vorerst zum Erliegen. Die Gegner hatten ein Bürgerbegehren organisiert. Das war aber nicht erfolgreich. „Das hat uns gezeigt, dass es keine Masse an Baugegnern gibt.“ Als dann im Oktober vergangenen Jahres bei einer Gemeindeversammlung die Pläne vorgestellt wurden, habe es kaum mehr Gegenstimmen gegeben. „Da hat man einfach eine große Lust auf das neue Gebäude gespürt.“

Es gibt einen sakralen Saal

Auch wenn das Gemeindezentrum keine Kirche im eigentlichen Sinne werden soll, wird es einen sakralen Gemeindesaal geben. „So können wir mal Winterkirche dort machen oder die Bewohner der Einrichtung nebenan besser einbinden“, sagt Class. Ein ungeplanter Pluspunkt: Das Gemeindezentrum wird von den gleichen Architekten geplant wie zum Beispiel das Stadthaus. „Das heißt, das Gemeindezentrum wird das Stadtensemble schön abschließen.“

Wenn das Landratsamt die Baupläne genehmigt, soll am 15. März die Johanneskirche feierlich entwidmet werden. Danach soll ein langsamer Rückbau stattfinden, bis im Sommer die Gebäudehülle verschwindet. „Wir hoffen, dass wir bis Ende 2022 fertig werden“, sagt Class. „Vielleicht entspannt sich die Lage mit der Verfügbarkeit von Bauunternehmen dann ja auch ein wenig.“ Nichtsdestotrotz seien die Kosten durch die Verzögerungen enorm gestiegen. Eine konkrete Zahl möchte Class nicht nennen. Aber der Oberkirchenrat habe einen weiteren Zuschuss genehmigt. Dennoch müsse ein Teil über Spenden und Fundraising-Projekte finanziert werden. Darum, so Class, sei es eine doppelte Freude, dass Pfarrer Peter Brändle, der derzeit in Ostfildern tätig ist, jetzt die Gemeinde übernommen hat, die seit dem Sommer ohne einen geschäftsführenden Pfarrer dastand.

Bevor die Baugenehmigung für das Gemeindezentrum erteilt ist, soll übrigens kein Bagger rollen. „So lange wird der Abrissbeschluss ausgesetzt“, so Class. Ein Zugeständnis an die Baugegner. Und ein Zeichen, dass das erste evangelische Gotteshaus im ehemals rein katholischen Stadtteil Unterboihingen nicht „einfach so“ abgerissen wird.

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