Zwischen Neckar und Alb

Die Kirche verliert ihr Kleid

Recycling Stein­metz Con­stan­tin Baki si­chert die Tuff­stei­ne vor dem Ab­bruch der Jo­han­nes­kir­che. Sie wer­den am Ge­mein­de­zen­trum ein­ge­baut. Von Tho­mas Schor­radt

Constantin Baki (links) und Musa Akgündüz legen Hand an die Tuffverkleidung. Fotos: Roberto Bulgrin
Constantin Baki (links) und Musa Akgündüz legen Hand an die Tuffverkleidung. Fotos: Roberto Bulgrin

Der Rück­schritt macht Fort­schrit­te. Schritt für Schritt, oder buch­stäb­lich Stück für Stück, ver­schwin­det die Jo­han­nes­kir­che der­zeit aus dem Wend­lin­ger Stadt­bild - im für ei­nen Sa­kral­bau ju­gend­li­chen Al­ter von nur 60 Jah­ren. Mit sei­nen Mit­ar­bei­tern trägt der Ess­lin­ger Stein­metz Con­stan­tin Baki die Tuff­stei­ne ab, mit de­nen die Fas­sa­de der im Jahr 1960 er­rich­te­ten Kir­che ver­klei­det ist. Die Stei­ne sol­len an der Fas­sa­de des Ge­mein­de­zen­trums, das die zum Ab­bruch frei­ge­ge­be­ne Kir­che er­set­zen wird, wie­der ver­wen­det wer­den.

Auf­sä­gen, an­boh­ren, aus­he­beln - das ist der Drei­klang, der auf dem 14 Me­ter ho­hen Ge­rüst an der Nord­fas­sa­de der Kir­che ge­ra­de den Takt an­gibt. Musa Ak­gündüz heißt der Mann mit dem be­son­de­ren Händ­chen für den Tuff. Er teilt die Fas­sa­den­stei­ne in hand­li­che Stü­cke und löst sie aus der Wand. Seit ei­nem Mo­nat steht Musa Ak­gündüz nun auf dem Ge­rüst und be­ob­ach­tet die Alb­stra­ße und den an­gren­zen­den Wend­lin­ger Rat­haus­platz aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve. Auch für ihn als Mus­lim ist es nicht ein­fach, Hand an ei­ne Kir­che zu le­gen. „Ei­ne Kir­che ist wie ei­ne Mo­schee auch ein Got­tes­haus, in dem die Men­schen die Ver­bin­dung zu Gott auf­neh­men“, sagt er.

Wenn die Jo­han­nes­kir­che kom­plett ih­rer Klei­der ent­le­digt ist, was vor­aus­sicht­lich in der ers­ten Ju­ni-Wo­che sein wird, haben die Stein­met­ze ih­re Ar­beit ge­tan. Zu­erst wer­den noch die Fens­ter ge­si­chert, doch dann be­ginnt die Pha­se des „har­te Ab­risses“, wie es der Pfar­rer der evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de Wend­lin­gen, Pe­ter Bränd­le, nennt. Der mas­si­ven Be­ton­hül­le ist nicht mehr mit Sä­ge und Stemm­ei­sen, son­dern nur noch mit der Ab­riss­bir­ne bei­zu­kom­men.

Die Westseite ist schon freigelegt, die Nordseite ist gerade in Arbeit.
Die Westseite ist schon freigelegt, die Nordseite ist gerade in Arbeit.

Ab­so­lu­tes Neu­land be­tre­ten

Noch aber ist die Stein­sä­ge das Hand­werks­zeug der Wahl. Mit dem Ab­bau der Fas­sa­de be­tritt der er­fah­re­ne Stein­metz­meis­ter Con­stan­tin Baki ab­so­lu­tes Neu­land - und das gleich in mehr­fa­cher Hin­sicht. Baki, der rund zehn Jah­re lang die Frau­en­kir­che Esslingens re­stau­riert hat, ist nicht völ­lig un­vor­be­rei­tet an die Wend­lin­ger Auf­ga­be ge­gan­gen. „Ich ha­be mir das gut über­legt. Zu­erst hat­te ich wirk­lich Skru­pel, den Auf­trag an­zu­neh­men. Die Ent­schei­dung ist dann in der Dis­kus­si­on mit der Fa­mi­lie ge­fal­len“, sagt er.

Ei­gent­lich sei sei­ne Be­ru­fung und sein Auf­trag als Stein­metz, his­to­ri­sche Ge­bäu­de zu re­stau­rie­ren und zu er­hal­ten. „Auf­bau­en ja - aber in so gro­ßem Stil ab­ge­baut ha­be ich noch nie, und dann auch noch ei­ne Kir­che“, gesteht Baki. Schließ­lich ha­be der Prag­ma­tis­mus über­wo­gen. „Wenn ich es nicht ma­chen wür­de, dann wür­de es halt ein an­de­rer ma­chen“, sagt er. Zu­dem ha­be er als Chef auch ei­ne Ver­ant­wor­tung sei­nen Leu­ten ge­gen­über. „Ich wuss­te, ich ha­be die rich­ti­gen Jungs für die Ar­beit“, ist er sich sicher. Neu ist für den Stein­met­z auch die lo­gis­ti­sche Her­aus­for­de­rung, die mit dem Ab­bau ein­hergeht. „Der Auf­trag er­for­dert viel mehr Or­ga­ni­sa­ti­on rund um die Bau­stel­le“, sagt Baki, zu­mal auch noch ton­nen­wei­se Kalk­mör­tel an­fällt, mit dem die Tuff­stei­ne un­ter­füt­tert wor­den wa­ren. In der Re­gel sind Stein­met­ze eher klein­räu­mig un­ter­wegs, im­mer ent­lang der ima­gi­nä­ren Schnitt­stel­le zwi­schen Kunst und Hand­werk. Jetzt ste­hen im­mer­hin 440 Qua­drat­me­ter Tuff­ge­stein zum Ab­bau an. Da­von sol­len min­des­tens 380 Qua­drat­me­ter ge­si­chert und vor der Wie­der­ver­wen­dung am neu­en Ge­mein­de­haus ir­gend­wo ge­parkt wer­den. Das Pro­blem hat Baki ge­löst, in­dem er ein Ge­wächs­haus in Wernau als Zwi­schen­la­ger an­ge­mie­tet hat.

Tuff ist rar

Den Na­tur­stein weiß er zu schät­zen. „Das ist ein tol­les Ma­te­ri­al. Leicht, ein­fach zu be­ar­bei­ten und von ho­her Dämm­leis­tung“, schwärmt er. Al­ler­dings gibt es ein Nach­schub­pro­blem. Kalktuff von der Schwä­bi­schen Alb ist kaum noch zu be­kom­men. Das Ma­te­ri­al wird nicht mehr ab­ge­baut, die Stein­brü­che sind still­ge­legt. „Die Wend­lin­ger Stei­ne kom­men aus Gön­nin­gen. Dort ist der Ab­bau schon im Jahr 1975 ein­ge­stellt wor­den“, sagt Baki. Frü­her wa­ren die Stei­ne dort und im See­bur­ger Tal noch im gro­ßen Maß­stab ab­ge­baut wor­den. Tuff von der Schwä­bi­schen Alb ist beim Bau des Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­ons eben­so zum Ein­satz ge­kom­men, wie auf dem Nürn­ber­ger Reichs­par­tei­tags­ge­län­de sowie beim Tü­bin­ger Schloss­tor.

Die Tuff­ver­klei­dung, die kunst­vol­len Kir­chen­fens­ter, das Altar­kreuz und der frei ste­hen­de Turm sind vier Ge­bäu­de­ele­men­ten, die im neu­en Ge­mein­de­zen­trum wie­der Ver­wen­dung fin­den sol­len. Kein Platz mehr ist dann für die Or­gel, die in­zwi­schen von ei­nem Fach­be­trieb ab­ge­baut und in ei­ner Turn­hal­le zwi­schen­ge­la­gert wur­de. Sie soll ver­kauft wer­den. Einen Interessenten gibt es schon.

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