Zwischen Neckar und Alb

Die lästigen Konkurrenten vertrieben

Freilichtmuseum Im 18. Jahrhundert gab es in Württemberg 70 bis 80 Judendörfer. Bis Ende 2019 in Beuren die Sonderaustellung „Jüdisches Leben im ländlichen Württemberg“ zu sehen. Von Peter Dietrich

Im Frühjahr geht's im Freilichtmuseum wieder los. Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques

Wie lebten jüdische Viehhändler, welche Rolle spielte der jüdische Textilhandel? Die Sonderausstellung im Freilichtmuseum Beuren erklärt religiöse Feste und Bräuche, betrachtet das friedliche Zusammenleben zwischen Juden und Christen ebenso wie die dunklen Seiten der Geschichte. Eine Station widmet sich den Kriegserfahrungen jüdischer Soldaten im Ersten Weltkrieg, eine andere informiert über Antisemitismus früher und heute. Was macht die koschere Küche aus? Auch das wird erklärt. An Mitmachstationen kann eine kleine Tora-Rolle gebastelt werden, Kippot, Tefillin und Dreidelspiel werden ausprobiert und hebräische Schriftzeichen getestet. In der Gärtringer Scheuer ist die Laubhütte aus Baisingen zu sehen, die einst für die häusliche Feier des Laubhüttenfestes verwendet wurde. Später wurde sie als Hühnerstall missbraucht.

„Jüdisches Leben im ländlichen Württemberg“ ist ein Teil eines Gemeinschaftsprojekts von den Freilichtmuseen in Baden-Württemberg. Jedes Museum widmet sich einem anderen Aspekt der Ausgrenzung und Integration auf dem Lande. Es geht um Heimatvertriebene und Gastarbeiter, um Armut auf dem Land und um Geschichten von Flucht und Heimkehr. Das Gemeinschaftsprojekt wird durch das Land Baden-Württemberg und die Baden-Württemberg-Stiftung gefördert.

Die Ausstellung in Beuren komme genau zur richtigen Zeit, sagte Landrat Heinz Eininger bei der Eröffnung. „70 Jahre Israel, 35 Jahre Partnerschaft des Landkreises mit Givatayim, 80 Jahre Reichspogromnacht und bedrohliche antisemitische Strömungen in der Gesellschaft. Wir sind mit der Beschäftigung mit der Geschichte mitten in der Gegenwart.“ Was im Nahen Osten geschehe, müsse uns Sorgen machen: „Die Weltordnung ist in Unordnung. Israelische Siedlungspolitik, atomare Hochrüstung, Amerika wird seiner Verantwortung als Weltmacht in keiner Weise gerecht.“

Der Landkreis tue gut daran, die Partnerschaft mit Israel immer neu zu beleben, etwa durch die Schulen und den Austausch der Klinken. Deutschland habe wegen der Shoah eine besondere Verantwortung. „Dabei wollen wir unter Freunden auch schwierige Themen ansprechen“, sagte Heinz Eininger mit Blick auf die schlimmen Ereignisse im Gazastreifen.

Wie kamen Juden in Württemberg aufs Land? Darüber sprach der Plochinger Pfarrer Dr. Joachim Hahn: Sie wurden am Ende des Mittelalters aus den Städten vertrieben. „Das hatte wirtschaftliche Gründe. Nachdem es auch christliche Handelsfamilien wie die Fugger gab, waren die Juden nur noch eine lästige Konkurrenz.“ Außerhalb der Städte konnten sie sich nur gegen hohe Schutzgelder ansiedeln, teils nur vorübergehend, teils dauerhaft. Es gab immer Hunderte von obdachlosen Juden in Württemberg. „Vom 16. bis 19. Jahrhundert waren sie Objekte wirtschaftlicher Ausbeutung.“

Ab dem 18. Jahrhundert gab es auf dem Gebiet des späteren Württemberg 70 bis 80 Judendörfer, in denen die Juden bis zur Hälfte der Bevölkerung stellten. In Buttenhausen auf der Alb lebten Juden und Katholiken mehr als 300 Jahre friedlich miteinander.

Als in den Städten der Handel und die Industrie befördert werden sollten, konnten Juden in die Städte zurückkehren. In Esslingen war das ab 1806 der Fall. „Das war erfolgreich, Juden bauten unter anderem die beste Handschuhfabrik der Stadt auf.“

Info Am morgigen Dienstag, 12. Juni, führen die Kuratorinnen Brigitte Haug, Judith Rühle und Annika Schröpfer durch die Ausstellung. Die Führungen beginnen um 11, 14, 15 und 16 Uhr.

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