Zwischen Neckar und Alb

Die Nanzwiese wird vielleicht bebaut . . .

Erst müssen die gesundheitlichen Risiken durch die Hochspannungsleitung abgeklärt werden

Die Spannung war groß, das Interesse auch. Über 300 Bürger waren in den Großen Saal der Nürtinger Stadthalle zur Sitzung des Gemeinderats gekommen. Letztlich segnete das Gremium mit deutlicher Mehrheit die Bauvorhaben zur Flüchtlingsunterbringung ab. Für die Nanzwiese aber ist trotz des Jas nichts klar.

Groß war das Interesse der Bevölkerung an der öffentlichen Gemeinderatssitzung in der Nürtinger Stadthalle. Foto: Jürgen Holzwar
Groß war das Interesse der Bevölkerung an der öffentlichen Gemeinderatssitzung in der Nürtinger Stadthalle. Foto: Jürgen Holzwarth

Nürtingen. Die Vorlage der Verwaltung sah fünf Beschlüsse zur Herstellung kostengünstigen Wohnraums vor: Ein Objekt in der Gerberstraße und weiteren Erwerb eines Grundstücks dort, das Objekt Metzinger Straße 33 bis 35, die vorübergehende Nutzung der alten Grundschule in Neckarhausen, bis die anderen Objekte fertig sind – und die Nanzwiese im Roßdorf. Insgesamt soll so Wohnraum für 190 Menschen entstehen, die Plätze in Neckarhausen sind nicht eingerechnet, da sie nur dem Übergang dienen. Angesichts der Flüchtlingswelle sollen die Unterkünfte auch der Anschlussunterbringung anerkannter Flüchtlinge, die selbstständig keine Wohnung finden, dienen.

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Ursprünglich sah die Vorlage bei den Bauvorhaben eine Formulierung vor, nach der die Verwaltung beauftragt werde, das Vorhaben „zügigst zu planen und umzusetzen“. Die Bebauung der Nanzwiese im Roßdorf aber ist höchst umstritten, das Gremium gespalten. Ist das Roßdorf nicht schon verdichtet genug? Darf man bedürftigen Menschen Wohnraum unter der Hochspannungsleitung aufzwingen? In nicht öffentlicher Sitzung vor der großen Sitzung in der Stadthalle hatte man sich nun allem Anschein nach zu einem Kompromiss durchgerungen. Der modifizierte Beschluss: Die Bebauung der Nanz­wiese soll zügigst geplant werden, umgesetzt werden soll die Planung aber erst, wenn sie „im Hinblick auf die Hochspannungsleitung intensiv“ geprüft worden ist. Zudem sollen auch im Roßdorf weitere Standorte für kostengünstigen Wohnraum gesucht werden.

Dafür fand sich bei der Abstimmung eine deutliche Mehrheit: 23 Räte stimmten mit Ja, zwei enthielten sich der Stimme, drei stimmten dagegen. Die Nein-Stimmen kamen von Klaus Fischer (Freie Wähler), Raimund Braun (NT 14) und Dieter Braunmüller (NL/Grüne). Die Abstimmung war offen, obwohl Oberbürgermeister Otmar Heirich eine geheime Abstimmung beantragt hatte – dafür hatten nur zwölf gestimmt, 15 dagegen, was mit viel Applaus quittiert worden war. Überhaupt gab es ab und an Beifall, befürchtete Tumulte oder störende Einwürfe blieben aus, der Security-Dienst hatte einen ruhigen Abend.

Das klare Ja aber darf nicht trügen. Denn den Räten aller Fraktionen war es wichtig, ihrer Skepsis Ausdruck zu verleihen. Für ein Ja ohne Vorbehalt hätte es kaum eine Mehrheit gegeben. Wohl ist nämlich keinem bei dem Gedanken, unter der Hochspannungsleitung zu bauen. Dennoch wollte man den Eindruck vermeiden, man handele populistisch. Oder man beuge sich gar dem Druck der ekligen Flugblätter (siehe auch Infokasten).

Doch die Räte sahen auch die Nöte der Stadt, die schnell kostengünstigen Wohnraum zur Verfügung stellen muss, im Angesicht der Flüchtlingskrise. Das hatte Oberbürgermeister Otmar Heirich eingangs unterstrichen. Man habe bis zuletzt um eine Lösung gerungen, habe versucht, Brücken zu bauen.

Am Ende war nicht nur OB Heirich glücklich, dass die Sitzung ruhig verlief – und ein Kompromiss gefunden wurde, den die große Mehrheit tragen konnte. Er appellierte auch an die Bürger, sich mit nutzbarem Wohnraum zu melden.

Erklärung zu Flugblättern

Eine Erklärung des Gemeinderats zu den zuletzt kursierenden Flugblättern, mit denen unter anderem zum „Widerstand mit allen Mitteln“ gegen die Bebauung der Nanzwiese aufgerufen wurde, verlas Nürtingens Oberbürgermeister Heirich zu Beginn der Sitzung. Der Rat sei entsetzt über das Ausmaß von Aggressivität, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Man sei auch entsetzt darüber, dass das in „unserer Stadt“ möglich sei. Ein Aufruf zu Gewalt finde keine Billigung in Rat oder Bevölkerung. Es spreche von mangelnder demokratischer Reife, dem Gemeinderat das Recht abzusprechen, über eine Bebauung zu entscheiden. Das gewählte Gremium müsse sich mit der Unterbringung und der Schaffung kostengünstigen Wohnraums auseinandersetzen. Das sehe sicher auch ein Großteil der Bevölkerung im Roßdorf so, hieß es.