Zwischen Neckar und Alb

Die Prinzessin feiert Premiere

Fernsehen Die Geschichte der Celesta-Manufaktur Schiedmayer, deren königliche Instrumente die Filmmusik von Harry Potter bereichern, wird heute im dritten Programm vorgestellt. Von Petra Bail

Orgelbauer Christian Klamm erklärt den Klangkörper der Celesta.Foto: Petra Bail
Orgelbauer Christian Klamm erklärt den Klangkörper der Celesta.Foto: Petra Bail

Harry Potter, den Magier, kennt jeder. Von Celesta, der Himmlischen, wissen nur wenige. Dabei spielt das magische Instrument eine große Rolle in dieser Filmmusik. Der Soundtrack wurde mit einer Celesta aus Wendlingen eingespielt. Dort wird die „Prinzessin der Instrumente“ hergestellt. Ganz ohne Zauberei, aber mit viel Können, Wissen und handwerklichem Geschick, wie die SWR-Produktion über „Die Celesta-Manufaktur Schiedmayer“ in 30 Minuten eindrücklich zeigt. Die Premiere von Gerd Ries‘ Film fand in den Räumen der Traditionsfirma vor einem handverlesenen Publikum statt.

Den klanglichen Unterschied zwischen Flügel und Celesta machte der einstige „Traumschiff“-Showpianist Waldemar Graf an beiden Instrumenten bei einem kleinen Konzert live deutlich. Auf die Ouvertüre folgte die Premiere: Auch für Elianne Schiedmayer, die die Firma seit dem Tod ihres Mannes Georg, 1985, leitet und Geschäftsführer Knut Schiedmayer war der Film eine Überraschung, die, den erfreuten Gesichtern nach zu urteilen, offensichtlich gut ankam.

Autor Gerd Ries rollte die fast 300-jährige Firmengeschichte der Klavierbauerdynastie auf und unternahm mit der Kamera einen Abstecher in die Werkstatt, in der neun Mitarbeiter mit viel Feingefühl für Kunden in aller Welt 30 Instrumente pro Jahr herstellen, ohne deren glockenhellen, perlenden Klang der „Tanz der Zuckerfee“ in Tschaikowskys Ballett „Der Nussknacker“ undenkbar wäre. Mindestens acht Wochen dauert es, bis Klangkörper und Gehäuse zusammengefügt werden können: „Hochzeit“ sagen die Experten dazu.

Zwei Wochen bleibt jedes Instrument danach noch im Haus, wird gestimmt. Erst wenn Elianne Schiedmayer eigenhändig die Endabnahme vorgenommen hat, geht das Instrument, das so wertvoll wie ein Mittelklassewagen ist, im speziellen Flight Case in alle Herren Länder. Ein wichtiger Markt ist Asien. Das 10 000ste Instrument wurde nach Ostindien geliefert, das 20 000ste nach Tübingen. Alle namhaften Orchester haben eine Celesta, manche sogar bis zu vier Stück, verrät die Firmenchefin. Der große Vorteil: Das Instrument verstimmt sich nicht wie ein Klavier, da die Stahlplatten, durch die der „himmlische“ Klang per Schlag mit dem Filzhammer erzeugt wird, fester sind als Saiten.

Der Pariser Harmoniumbauer Victor Mustel erfand 1886 das Tasteninstrument und ließ es sich patentieren. Schiedmayer ist weltweit die einzige Firma, die die Celesta nach seinen Vorgaben fertigt. Versucht haben es einige wenige. Gelungen ist es keinem, sagt die Chefin.

Den Grundstein der Klavierbauerdynastie, die 20 bedeutende Instrumentenbauer hervorgebracht hat, legte Balthasar Schiedmayer, der 1735 sein erstes Clavichord in Erlangen baute. Nachfahren gründeten 1809 in einem Stuttgarter Hinterhaus eine Klaviermanufaktur. 1821 zog man in die Neckarstraße, heute Konrad-Adenauer-Straße. Im Jahr 1944 wurde das Lebenswerk durch Bomben vernichtet. Zwei Jahre später erfolgte der provisorische Wiederaufbau. Die geplante Stuttgarter Kulturmeile mit Musikhochschule und Haus der Geschichte machte die Erweiterungspläne zunichte. Die Firma musste das Gelände 1969 verlassen. Die Produktion wurde in die Fabrikationsgebäude nach Altbach verlegt. 1980 stellte Georg Schiedmayer die komplette Klavierproduktion ein und konzentrierte sich auf die Herstellung von Celesten und Tastenglockenspielen. 1985 zog das Unternehmen nach Plochingen und im Jahr 2000 nach Wendlingen.

Dort findet seither die faszinierende Arbeit mit Klängen statt. Tausende von Einzelteilen werden von den beiden Orgelbauern Christian Kamm und Joachim Weigle sowie von Instrumentenbauer Markus Schmid und weiteren Kollegen in der Werkstatt in sorgfältiger Handarbeit gefertigt. Davon konnten sich die Premierenbesucher selbst ein Bild machen und waren überzeugt davon, dass, wenn die Orgel als Königin der Instrumente gilt, die Celesta in jedem Fall die „kleine Prinzessin“ ist.

Info: Der Film „Prinzessin der Instrumente“ ist am heutigen Mittwoch, 21. Februar, von 18.15 bis 18.45 Uhr im SWR zu sehen.

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