Zwischen Neckar und Alb

Die Rückkehr der Holzfäller

Meister Bockert, wie der Biber in der Fabel heißt, feiert ein Comeback in heimischen Gewässern

Nach 150 biberlosen Jahren schien es, als sollte der putzige Nager nur noch in Fabeln weiterleben. Heute ist der Biber wieder auf dem Vormarsch.

Am Unterensinger Röhmsee (oben) ist der Biber längst angekommen. Aber auch an den Wernauer Baggerseen könnte er sich langfristig
Am Unterensinger Röhmsee (oben) ist der Biber längst angekommen. Aber auch an den Wernauer Baggerseen könnte er sich langfristig ansiedeln. Dieser Biber (rechts) hatte sich in ein Wohngebiet verirrt und rettet sich hier zurück ans Wasser. Fotos: Daniela Haußmann und German Kälberer

Unterensingen. Beim abendlichen Spaziergang einen Biber zu entdecken, ist im Landkreis Esslingen gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Die Bestände erholen sich langsam, aber beständig, wie Sascha Richter vom Landratsamt Esslingen weiß. Bevor die Tierart Anfang des 20. Jahrhunderts unter strengen Schutz gestellt wurde, sah das anders aus. Meister Bockert, wie Europas größtes Nagetier in Erzählungen häufig genannt wird, war begehrt.

Wohlhabende schätzten seinen dichten Pelz, der zu Mützen und Mänteln verarbeitet wurde. Bibergeil, ein Sekret, mit dem die Spezies ihr Revier markiert, galt im Mittelalter als Allheilmittel bei schweren Geburten und Impotenz. „Sein zartes Fleisch war als delikater Gaumenschmaus beliebt“, erzählt German Kälberer von der Jägervereinigung Kirchheim.

Kreative Kirchenmänner erklärten den Biber zum Fisch, der fortan auf keinem Fastenspeiseplan fehlte. Die so vom Zaun gebrochene Jagd reduzierte laut Sascha Richter enorm die Bestände. Landwirtschaft, Rodungen und Flussbegradigungen vernichteten seinen Lebensraum, die Auenlandschaft, wie der Wildtierbeauftragte berichtet. „Das war die Hauptursache für sein Verschwinden“, bilanziert Richter. Angaben des NABU-Landesverbandes zufolge wurden die letzten Biber im Land 1834 an Donau und Iller in Ulm erlegt. Erst Mitte der Siebzigerjahre tauchte der possierliche Nager wieder auf.

Das gilt auch für den Röhmsee. Im Stillgewässer der ehemaligen Kiesgrube bei Unterensingen kann sich der Biber ungestört entfalten und findet ausgiebig Nahrung. Was Tierschützer freut, sorgt bei Landwirten und Grundstückseigentümern für Kopfzerbrechen. Das Bild von aufgestauten Gewässern, die Ackerflächen überfluten, und abgenagten Bäumen bereitet manchen Unbehagen, wie German Kälberer weiß. „Allerdings baut nicht jeder Biber eine Burg oder einen Damm“, betont Sascha Richter. „In der Regel lebt das Tier in einem Erdbau am Ufer, dessen Eingang unter Wasser liegt und ihn vor ungebetenen Gästen schützt.“

Für den Biber unabdingbar sei deshalb ein Mindestwasserstand. „Im Gegensatz zu Flüssen weist der Röhmsee keinen wechselnden Pegelstand auf“, so der Wildtierbeauftragte. „Mit Dammbauten ist dort also nicht zu rechnen.“ Und an Bäumen mache sich der 20 bis 30 Kilo schwere Baumeister gewöhnlich nur ausgiebig zu schaffen, wenn das Nahrungsangebot an Kräutern, Gräsern, Sträuchern, Schilf und Wasserpflanzen eher gering ausfalle. „Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er bei der Futtersuche auf nahegelegene Äcker ausweicht“, berichtet German Kälberer. „Wobei sich der Biber in der Hauptsache in einem etwa zehn Meter breiten Streifen beidseits des Gewässers aufhält.“ Ackerflächen in der Nähe zu Flüssen, Bächen oder Seen seien daher besonders von Fraßschäden gefährdet. Wobei Sascha Richter bislang noch keine Konflikte zwischen Mensch und Biber im Kreisgebiet registriert hat.

Der Vormarsch der pelzigen Holzfäller birgt dem Wildtierbeauftragten zufolge auch Positives. „Durch den Dammbau entstehen Stillgewässer, mit denen die Möglichkeit geschaffen wird, dass die Vielfalt an Wasserpflanzen steigt, aber auch Fische und Amphibien ihren Laich ablegen“, so Sascha Richter. „So können sich beispielsweise für Eisvogel und Storch attraktive Nahrungsquellen auftun.“

Potenzial für eine Biberansiedlung bergen deshalb auch die Wernauer Baggerseen. Dort biete die dichte und üppige Vegetation Rückzugsmöglichkeiten, die ihn vor neugierigen Spaziergängern schützen. „Die Chancen, dass der Biber auch an den Baggerseen heimisch wird, stehen damit gut“, resümiert Sascha Richter.

Darüber hinaus erkennt der Experte in Biberdämmen auch Positives. Ihm zufolge minimieren sie den Eintrag von Dünger und Giftstoffen in Gewässer. „Dort, wo das Bauwerk Probleme bereitet, lässt sich mit Dammdrainagen einer Überflutung von Agrarflächen entgegenwirken“, sagt Richter. „Eine für Biber attraktive Uferbepflanzung kann helfen, ihn von Feldern fernzuhalten.“

Doch bislang sei im Landkreis von einem flächendeckenden Vorkommen des Nagers noch keine Rede. Vielmehr halte er sich in einer überschaubaren Anzahl von Biotopen auf, in denen sich die Bestände erst ganz allmählich erholen.

Die Rückkehr der Holzfäller
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