Zwischen Neckar und Alb

Die Seele leidet mit

Asyl Viele Flüchtlinge haben psychische Probleme. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Um ihnen jedoch helfen zu können, fehlen im Landkreis Esslingen die dafür notwendigen Strukturen. Von Melanie Braun

foto: roberto bulgrin27. 04 2018Esslingen, Fluechtlingsunterkunft Weststadt
foto: roberto bulgrin27. 04 2018Esslingen, Fluechtlingsunterkunft Weststadt

Ulrich Henning erinnert sich noch genau an das Telefongespräch. „Uli, die Stimmen werden immer stärker“, habe ein Flüchtling ihm verzweifelt erzählt. „Ich hoffe, ich werde das Zelt mit den anderen nicht anzünden.“ Henning, der als Ehrenamtlicher Flüchtlinge in Esslingen betreut, reagierte schnell. Er traf sich mit dem Mann, der offenbar psychische Probleme hatte, sprach mit der Sozialbetreuung und dem Landratsamt - und erfuhr kurze Zeit später, dass der Anrufer auf den Vorfall hin verlegt wurde. Henning und seine ehrenamtlichen Kollegen fielen aus allen Wolken: „Wir wollten doch der Ursache für die Probleme auf den Grund gehen.“

Der Fall ist nur einer von vielen, von denen Ulrich Henning, Thomas Rother und Martina Sterna erzählen. Alle drei engagieren sich ehrenamtlich in Esslinger Flüchtlingsunterkünften - und alle drei fühlen sich allein gelassen, was den Umgang mit psychisch auffälligen und traumatisierten Flüchtlingen angeht. Sie berichten von Menschen mit dramatischen Fluchterfahrungen, von Männern, die nicht schlafen können oder immer wieder ausrasten.

Austausch mit Hauptamtlichen

„Wenn bekannt ist, dass jemand Probleme macht, dann wüssten wir das gern“, sagt Martina Sterna. Schließlich seien sie im direkten Kontakt mit den Flüchtlingen - und seien somit im Zweifelsfall auch Gefahren ausgesetzt. Hier vermisse man einen engeren Austausch mit den Hauptamtlichen. Im Übrigen habe man das Gefühl, dass man sich zu wenig um psychisch auffällige und traumatisierte Flüchtlinge kümmere: „Wir haben nicht die Strukturen im Landkreis, um solchen Leuten zu helfen“, glaubt Rother.

Das sieht man auch an anderen Stellen so. Etwa beim Esslinger Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo), der für die Sozialbetreuung der Flüchtlinge in den Unterkünften des Landkreises zuständig ist. „Wir haben vermehrt Personen mit wirklich psychiatrischen Krankheitsbildern“, sagt Alexandra Mack, Sozialdienstleiterin bei der Awo. Sie vermutet, dass das verschiedene Gründe hat. Zum einen hätten viele dramatische Erfahrungen in ihrem Heimatland und auf der Flucht gemacht. Zum anderen sei die Unterbringung in den Massenunterkünften sicher belastend. Hinzu kämen die Perspektivlosigkeit und negative Rückmeldungen aus der Gesellschaft.

Es mangelt an Fachpersonal

Die Krux sei, dass es an Fachärzten und Psychologen mangele, die sich um psychisch kranke Flüchtlinge kümmern könnten, sagt Mack. Die Ärzte kooperierten zwar gern, aber es gebe viel zu wenige. Hinzu komme, dass das Prozedere sehr langwierig sei. Denn wer nach Asylbewerberleistungsgesetz behandelt wird, hat nur Anspruch auf die allernötigsten Leistungen.

Und damit nicht genug: Auch der Patient selbst muss überzeugt werden. Nicht jeder sehe ein, dass eine Behandlung nötig sei, erzählt Mack. Das könne kulturell bedingt sein oder auch durch Erfahrungen im Heimatland - etwa weil dort Zwangsbehandlungen von Menschen in psychologischen oder psychiatrischen Einrichtungen üblich seien.

Immerhin habe man auch beim Landratsamt die Situation erkannt und versuche nun, Abhilfe zu schaffen, sagt Alexandra Mack. „Man hatte bisher noch nicht die Kapazitäten für die Behandlung psychischer Erkrankungen bei Geflüchteten“, sagt Peter Keck, Pressesprecher des Landkreises. Deshalb habe man eine Qualifizierungs-Offensive für alle Menschen im Kreis gestartet, die mit Flüchtlingen zu tun haben - also nicht nur für Fachkräfte, sondern auch etwa für Ehrenamtliche.

Mehr Beratungsstellen

Außerdem werden die Kapazitäten der psychologischen Beratungsstellen im Landkreis erhöht. Damit will man auch dafür sorgen, dass den Menschen frühzeitig geholfen und so vermieden wird, dass jemand mit akuten Beschwerden in eine Klinik muss. Pressesprecher Keck ergänzt, dass fast drei Viertel der jetzigen Bewohner in den Flüchtlingsunterkünften kaum eine Bleibeperspektive haben: „Da stellt sich schon die Frage, welche medizinische Leistung diejenigen bekommen, bei denen das Ziel eigentlich die Rückführung ins Heimatland ist.“

Beim Umgang mit den ehrenamtlichen Helfern könne man allerdings nicht alle Wünsche erfüllen, heißt es sowohl vom Landratsamt als auch von der Awo. Man versuche zwar, sich eng mit ihnen auszutauschen, betont Alexandra Mack, aber zum einen wisse man selbst nicht über jeden Flüchtling im Detail Bescheid, zum anderen dürfe man auch nicht alles sagen. In der Regel würden jedoch „Stressmacher“ auch in Unterkünfte mit Security verlegt, wo man andere besser vor ihnen schützen könne.

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