Zwischen Neckar und Alb

Die verkannte Branche

Ausbildung Die Handwerksbetriebe im Kreis Esslingen klagen zunehmend über Nachwuchsmangel. Der Grund ist vor allem ein Imageproblem. Von Melanie Braun

Die verkannte Branche
Die verkannte Branche

Schlechtes Image, demografischer Wandel, immer mehr Möglichkeiten, zu studieren: Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass das Handwerk Nachwuchsprobleme hat. Auch im Kreis Esslingen suchen zahlreiche Firmen händeringend Auszubildende. Dabei gibt es laut der Kreishandwerkerschaft viele Vorteile in ihrer Branche – aber zu wenig Leute, die davon wissen.

Genau das ist für den Esslinger Kreishandwerksmeister Karl Boßler das Hauptproblem. So hielten sich die Vorurteile gegenüber einigen Metiers hartnäckig, selbst wenn sich das Berufsbild längst gewandelt habe. Der Stuckateur etwa sei längst nicht mehr nur der Gipser, als den man ihn früher gern bezeichnet habe: „Inzwischen muss man als Stuckateur schon fast ein Gebäudetechniker sein“, sagt Boßler. Viele hätten sich zudem auf Wärmedämmung spezialisiert.

Andere Berufe hätten wegen gesellschaftlicher Trends ein Image-Problem. So sei der Fleischkonsum derzeit nicht so gut angesehen, darunter leide auch das Ansehen des Metzgerberufs. Auch die Arbeit auf dem Bau sei wenig gefragt, sie gelte vielen als dreckig und minderwertig – dabei boome die Branche eigentlich. Aber das Image könne sich auch wieder ändern, wie man am Beispiel des Kochs sehen könne: Vor Jahren sei der Ruf dieses Metiers miserabel gewesen, doch durch die vielen Kochshows im Fernsehen habe sich das zum Positiven gewandelt.

Ohnehin sei für viele junge Leute ein Studium das oberste Ziel. Das hat für Boßler auch damit zu tun, dass mit dem Wegfall der Grundschulempfehlung und der Einführung der Gemeinschaftsschule der Weg zum Abitur leichter sei. Und wer ein Abi in der Tasche habe, wolle in der Regel auch studieren – selbst wenn er im praktischen Bereich viel begabter sei als im kopflastigen. Bestimmte Handwerksberufe wie Zimmermann, Schreiner oder Elektromechatroniker seien noch gefragt, weil viele diese als Basis für ein Architektur- oder Ingenieursstudium nutzten.

Aber dass es auch im Bäcker- oder Metzgerhandwerk gute Aufstiegs- und Entwicklungschancen gebe, sei den wenigsten bewusst. Zudem gebe es andere Vorteile in der Handwerksbranche, von denen viele nichts wüssten. Etwa die Tatsache, dass man in einem Handwerksbetrieb meist nur vom hierzulande recht stabilen Binnenmarkt abhängig sei, nicht aber von den Schwankungen am Weltmarkt, dem viele große Firmen ausgesetzt seien. Zudem seien die Jobs oftmals wohnortnah.

Die Frage sei nur: Wie vermittelt man den jungen Menschen die positiven Seiten des Handwerks? Hier zeigt sich Boßler etwas ratlos. Eigentlich sei der Weg über die Schulen ideal, um den jungen Leuten rechtzeitig die Optionen im Handwerk zu präsentieren – immerhin vereine die Kreishandwerkskammer Esslingen-Nürtingen 130 verschiedene Berufe unter ihrem Dach. „Aber da fehlt uns oft der Zugang“, sagt Boßler. Er vermutet, dass das unter anderem daran liegt, dass inzwischen alle möglichen Institutionen, Verbände und Vereine dort vorsprechen: „Jeder will etwas von denen“, sagt er.

Auf Auszubildenden-Messen präsentiere man sich natürlich auch, erzählt Jens Schmitt, Geschäftsführer bei der Kreishandwerkerschaft. Aber die Kunst sei es, die jungen Leute an den eigenen Stand zu locken, wenn die große Industrie nebendran auch um deren Gunst buhle. Auch die Handwerkskammer Region Stuttgart wirbt mit Imagekampagnen, bei Aktionen in Schulen und durch Bildungspartnerschaften für ihre Branche. Aber in manchen Berufen seien die Rahmenbedingungen einfach schwierig, sagt Bernd Stockburger, Geschäftsführer Berufliche Bildung bei der Kammer: Etwa, dass es auf dem Bau körperlich anstrengend sei oder man als Bäcker mitten in der Nacht aufstehen müsse. „Das hält viele ab, aber das lässt sich auch schwer ändern“, sagt er.

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