Zwischen Neckar und Alb

Die Welt im Miniaturformat

Ausflugstipp Modelleisenbahner sind architekturbegeistert und keineswegs spießig – das beweist die detailgetreue Ausstellung „MärklinModerne“ im Göppinger Stadtmuseum Storchen. Von Margit Haas

Modellbauer Gerald Fuchs hat eine etwa zehn Quadratmeter große Mega-City geschaffen. Kein einziges der Hochhäuser war ein fertig
Modellbauer Gerald Fuchs hat eine etwa zehn Quadratmeter große Mega-City geschaffen. Kein einziges der Hochhäuser war ein fertiger Bausatz. Fotos: Margit Haas

Modelleisenbahnanlagen - der unbeteiligte Dritte denkt an Gleisanlagen, die durch die sprichwörtliche pittoreske Märklin-Landschaft mit heimeligen Winkeln und Fachwerkhäusern und Schwarzwaldbauernhöfen führen. Die aktuelle Ausstellung im Göppinger Stadtmuseum Storchen zeigt ein ganz anderes Bild und belegt: Modelleisenbahner sind architekturbegeistert und keineswegs spießig rückwärtsgewandt.

Bausätze für die Hochhäuser der Siebzigerjahre finden sich bei den Herstellern der Modellanlagen ebenso wie für Raststätten an Autobahnen, Industriebauten, Kirchenneubauten oder ein brennendes Finanzamt. „MärklinModerne“ - der Titel der Schau „zeigt zwei Aspekte“, so Museumsleiter Dr. Karl-Heinz Rueß. „Sie zeigt die Welt der Modelleisenbahn und ebenso die Geschichte der Architektur.“ Die Macher der Ausstellung haben sich den Namen Märklin „als Synonym für die Modelleisenbahn geliehen“. Tatsächlich gehe es aber nicht „um fahrendes Material“. Vielmehr lasse die Schau die Baukunst der Nachkriegszeit lebendig werden.

Den Modellen sind Fotografien der originalen Vorbilder zur Seite gestellt - so wie sie einst aussahen und so, wie sie heute zu sehen sind. Das Postamt in Badenweiler, die Auto-Rastanlage in Freiburg oder das Nurda-Ferienhaus in Wolfshagen haben die Zeiten fast unverändert überdauert. Wie auch die sprichwörtliche „Villa im Tessin“, deren „Modellgeschichte“ ungewöhnlich ist. Der Spielzeughersteller Hermann Faller hatte sie bei einer Reise gesehen und ließ sie im Schwarzwald nachbauen. In Gütenbach verwirklichte er sich seinen Traum und entwickelte einen entsprechenden Modell-Bausatz.

Die Villa selbst, wie es die Ausstellung belegt, schaffte es sogar in die Politik, als der Plakatkünstler Klaus Staeck in den Siebzigern ein Wahlplakat für die SPD gestaltet mit der Warnung „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“.

Zersägen und neu anordnen

„MärklinModerne“ belegt aber auch, dass Modellbauer nicht einfach nur einen vorliegenden Bausatz zusammenbauen, sondern dass sie vielmehr kreativ sind, mit viel Fantasie ganz eigene Welten schaffen. Gerade die Villa im Tessin erlebte eine Verwandlung. Gerald Fuchs zersägte sie und setzte sie neu zusammen.

Der Modellbauer hat eine etwa zehn Quadratmeter große Mega-City geschaffen, die zeigt, wie sich mit den Bausätzen spielen lässt. Denn kein einziges der Hochhäuser war ein fertiger Bausatz. Der Modellbauer hatte unzählige Bausätze kombiniert und so eine futuristische Hochhauslandschaft geschaffen, durch die indes kein Zug fährt und die es so nur einmal gibt.

Ergänzt wurde die zweisprachige Schau, die zunächst im Frankfurter Architektur-Museum gezeigt worden war, um zwei Modelle, die die Besucher gleich zu Beginn empfangen. Zu sehen sind die Oberhofenkirche und der in den Sechzigerjahren neu gebaute Bahnhof mit Bahnsteig und Stellwerk. Vorgestellt werden einzelne Modellbauer und in kurzen Filmen kann der Ausstellungsbesucher ihnen über die Schulter schauen.

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