Zwischen Neckar und Alb

Drohne rettet Rehkitze

Tierschutz In der Hochsaison der Heuernte fallen im Kreis jährlich Hunderte von Rehkitzen dem Mähbalken zum Opfer. Fliegende Wärmebildkameras helfen, die Tiere rechtzeitig aufzuspüren. Von Sabine Ackermann

Foto: Claudia Reinöhl
Foto: Claudia Reinöhl

Wolf und Luchs, die natürlichen Feinde des Rehs, sind in heimischen Wäldern ausgerottet. Deshalb gibt es wieder mehr scheue Rehe. Doch in den Monaten Mai und Juni lebt der Nachwuchs gefährlich: Die Geburt der Rehkitze - in der Regel sind es zwei Jungtiere bei einem Wurf - erfolgt meist im hohen „sicheren“ Gras. Da die Mutter nur zum Säugen kommt, verbringt das Rehkitz die ersten Lebenswochen oft alleine in seinem Versteck. Da kann es vom Landwirt leicht übersehen werden, wenn er seine Wiese mäht. Obwohl die etwa ein bis zwei Kilogramm schweren Tiere mit den weißen „Bambi-Flecken“ am Rücken bereits kurz nach Geburt laufen können, haben sie in den ersten Lebenswochen keinen Fluchtinstinkt.

„Bei drohender Gefahr duckt sich das Rehkitz so tief wie möglich auf den Boden - man spricht hier vom „Drückinstinkt“, erklärt Karl Göbel das Verhalten der Jungtiere. So sind sie für ihre natürlichen Feinde nahezu unsichtbar - für die Bauern auf ihren Mähmaschinen allerdings auch, weiß der Jäger und Wildspezialist aus Göppingen.

Das Schlimme daran: Die Rehkitze geraten so leicht in die großen Mähwerke und werden dabei grauenvoll getötet oder verstümmelt. Sie im hohen Gras zu suchen, ist ein schwieriges Unterfangen, da sie voller Vertrauen in ihrer Deckung liegen bleiben. Darüber hinaus entwickeln die Jungtiere in den ersten Tagen keinen Körpergeruch, können so also von den Suchhunden nicht gewittert werden.

Karl Göbel setzt auf die moderne Flugtechnik, genauer gesagt, eine Drohne mit Wärmebildkamera. Und diese „Technik-Hornisse“ wird mittlerweile in Deutschland immer öfter bei der Rettung der Kitze eingesetzt.

Weiß man, wo sich ein Tier befindet, wird ein Team zum Rehkitz navigiert, um es schnell und sicher aus dem hohen Gras zu bergen. Ein Pilot muss die Drohne im Auge haben, ein zweiter Mitarbeiter hat das I-Pad im Blick. In einem Radius von 300 Metern sucht das Technikwunder in etwa 70 bis 80 Metern Höhe die Wiesenfläche ab, die zuvor in kleine Areale eingeteilt wurde.

„Schon vor der Saison beginnt die Vorbereitung, indem die Wiesen einmal in Ruhe mit einer herkömmlichen 4k-Kamera abgeflogen werden“, berichtet Hans-Jörg Andonovic-Wagner, der die Firma „wildflug.eu“ 2013 ins Leben gerufen hat. Bei gutem Tageslicht werden Wegpunkte gespeichert, die danach im Einsatz beim Morgengrauen nahezu vollautomatisch abgeflogen werden. Ein Kameraoperator beobachtet dabei das hochauflösende Display und meldet jede Wärmequelle per Funk an ein sogenanntes Fänger-Team - die erfahrenen Sammler werden direkt an die jeweilige Stelle navigiert.

Und die Bambi-Retter wissen ganz genau, dass man die Kitze ausschließlich mit Handschuhen oder großen Grasbüscheln anfassen soll, um sie aus der Gefahrenzone zu bringen. „Bei Körperkontakt nehmen die Jungtiere menschlichen Geruch an und werden von der Mutter verstoßen“, betont Hans-Jörg Andonovic-Wagner.

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