Zwischen Neckar und Alb

Ehe sich der Vorhang hebt

Kultur Zwischen Ablenkung und Konzentration: Wie bereiten sich Theaterschauspieler auf der heimischen Bühne und auswärts auf ihren Auftritt vor? Von Gaby Weiß

Die Schauspieler Kristin Göpfert als Hedda Gabler (Bild) und Martin Theuer spielen gemeinsam in der WLB-Inszenierung von „Hedda
Die Schauspieler Kristin Göpfert als Hedda Gabler (Bild) und Martin Theuer spielen gemeinsam in der WLB-Inszenierung von „Hedda Gabler“. Fotos: Gaby Weiß/WLB

Was machen Schauspieler vor einer Aufführung? Und was passiert, wenn sie im Theater eintreffen? Kristin Göpfert und Martin Theuer, Schauspieler der Württembergischen Landesbühne (WLB) in Esslingen, sind sich einig, dass es darauf keine allgemeingültige Antwort gibt: „Jeder Kollege bereitet sich auf ganz eigene Weise vor.“ Beide betonen, dass die Vorbereitung auch von der Tagesform und dem Stück abhängt. Vor Premieren und bei Auswärtsvorstellungen läuft alles wieder anders ab.

Außer an Premierentagen haben die Schauspieler vormittags Proben für ein anderes Stück, das gerade in Vorbereitung ist. „Dann bringe ich vorher meine Kinder zur Schule, frühstücke und schaue den Text für die Probe nochmals an, bevor ich von 10 bis 14 Uhr bei der Probe bin“, erklärt Kristin Göpfert. Danach isst sie in aller Ruhe mit ihren Kindern zu Mittag, bevor sie sich für ihre abendliche Aufführung vorbereitet. „Meistens lese ich das Stück noch mal durch, vielleicht lege ich mich eine halbe Stunde hin, aber dafür bleibt eher selten Zeit“, sagt die zweifache Mutter.

Auch Martin Theuer schaut nachmittags noch einmal seinen Text an und gönnt sich einen kurzen Mittagsschlaf: „Damit trenne ich den Tag mit der morgendlichen Probe von der abendlichen Vorstellung.“ Nach dem Eintreffen im Theater trinkt er gern eine Tasse Kaffee in der Kantine: „Man trifft die Kollegen, wünscht sich eine gute Vorstellung und viel Spaß. Es gibt Tage, da ist man ein wenig low, da muss man sich in Schwung bringen.“ Und es gebe Tage, an denen ist jeder überdreht, da muss man sich gemeinsam ein wenig herunterpegeln.

Ein minutiöser Zeitplan regelt, wer wann in der Garderobe für Maske, Kostüm und das Anbringen der tragbaren Mikrofone erwartet wird. „Ich bin von Natur aus eher chaotisch, ich interessiere mich für viele Sachen. Für mich sind ein kurzer Plausch mit den Kollegen, das Anziehen des Kostüms und der Aufenthalt in der Maske Ankerpunkte. Da kann ich mich vor der Vorstellung fokussieren, dass ich optimal reaktionsfähig bin“, erklärt Martin Theuer. Während manche Schauspieler vor dem Auftritt eine üppige Mahlzeit brauchen, essen Göpfert und Theuer höchstens eine Kleinigkeit: „Mit vollem Magen spielt es sich nicht gut“, betont Martin Theuer.

Je nach Verfassung und Stück macht Kristin Göpfert Lockerungsübungen: „Wenn ich in den Schultern verspannt bin oder wenn ich den ganzen Abend auf hohen Hacken laufen muss, wärme ich mich besonders auf, damit ich mir nichts zerre.“ Auch Martin Theuer agiert nach Bedarf: „In ‚Der Trafikant‘ spiele ich einen Einbeinigen. Dafür muss mein Bein hochgeschnallt werden. Das ist anstrengend, deshalb dehne ich dieses Bein besonders sorgfältig, damit ich mich nicht verletze.“ Bei musikalischen Produktionen trifft sich das Ensemble zum Einsingen, auf Extra-Sprechübungen kann Kristin Göpfert meistens verzichten. Martin Theuer erinnert sich, dass er zu Beginn seiner Karriere feste Rituale zur Vorbereitung hatte: „Wenn dann für diese Körper- und Sprechübungen mal die Zeit nicht gereicht hat, hat mich das geradezu in Panik versetzt.“ Nach vielen Berufsjahren macht er es anders: „Ich versuche, mit mir und meiner Stimme in Kontakt zu kommen. Und ich gehe vorher auf der Bühne vorbei und schicke mich ein bisschen in den Raum. Bis ich das Gefühl habe: Jetzt bin ich da zu Hause.“

Mit Lampenfieber, vor dem auch erfahrene Profis nicht gefeit sind, geht jeder auf seine eigene Weise um. Aber Kristin Göpfert hat ein kleines Ritual: „Ich gehe vorher auf der Bühne kurz auf jede Position, an der ich im Stück sein werde. Und ich schaue, dass ich alle meine Requisiten griffbereit habe.“

Eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn ruft der Inspizient über ein Tonsignal zum ersten Mal ein. „Den zweiten Einruf, eine Viertelstunde vorher, nutzt man, um noch mal auf die Toilette zu gehen und vielleicht noch ein Halsbonbon zu lutschen“, erzählt Göpfert, die anschließend in den Kulissen auf ihren Einsatz wartet: „Da kriegt man schon mit, wie die Zuschauer drauf sind.“ Theuer liebt es, während der Einrufe im Dunkeln hinter der Bühne zu sein: „Da bin ich wie ein Zirkuspferd im Sattelgang. Diese Atmosphäre in diesem mir vertrauten Haus ist mir sehr lieb geworden. Das ist für mich eine Stütze, ein Halt, Beruhigung. Auch wenn ich nervös und aufgeregt bin: Ich fühle mich auf der Bühne sehr wohl, denn was ich da tue, mache ich gern.“

Putzen und Aufräumen vor der Premiere

Probenfrei: „Vor der Premiere hat man morgens keine Probe mehr. Man kann also nach der Generalprobe vom Vorabend ausschlafen“, erzählt Kristin Göpfert. „Dieser Tag gehört uns“, strahlt Martin Theuer. Wenn da die Aufregung nicht wäre: Deshalb räumen viele Schauspieler an diesem Tag ihre Wohnung auf: „Während der Endprobenstrecke bleibt vieles liegen, deshalb wird dann mal geputzt“, erklärt Göpfert.

Toi Toi Toi: Kristin Göpfert geht an Premierentagen besonders früh ans Theater: „Man steht unter Strom, und oft sind Kollegen, Freunde und Familie im Publikum. Man spuckt sich dreimal über die linke Schulter, wünscht sich dreimal ‚toi toi toi‘, bedankt sich aber nicht - ein bisschen Aberglauben muss sein. Und dann geht’s los.“

Auswärts: Als Landesbühne spielt die WLB auch auswärts - zum Beispiel in Kirchheim. Bei solchen Gastspielen inspizieren die Schauspieler zuerst die Bühne: „In Esslingen kennt man alles. Auf Abstecher ist die Bühne mal größer, mal kleiner, da müssen wir flexibel sein“, erzählt Kristin Göpfert. Auch die Garderobensituation lasse manchmal zu wünschen übrig: „Wenn man sich an Kisten vorbeiquetschen und im Klo umziehen muss, hilft nur Humor.“

In der Fremde: Um pünktlich am Spielort anzukommen, startet das WLB-Team zu Gastspielen früh. „Wenn alles gut läuft, mache ich vor Ort einen Spaziergang, gehe laufend meinen Text nochmals durch und esse eine Kleinigkeit“, erzählt Theuer. gw

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