Zwischen Neckar und Alb

Ein bisschen wie Woodstock

Festival Die Schauspieler und Musiker von „SWR 1 Pop & Poesie“ haben 620 Zuschauern beim Wendlinger Zeltspektakel gezeigt, wie berührend, poetisch oder skurril manch echter Klassiker ist. Von Matthäus Klemke

Vollgas gab das Ensemble beim Zeltspektakel nicht nur bei „Proud Mary“. Foto: Jürgen Holzwarth
Vollgas gab das Ensemble beim Zeltspektakel nicht nur bei „Proud Mary“. Foto: Jürgen Holzwarth

Eine Cover-Band schafft es, 620 Leute in das Zirkuszelt beim 34. Zeltspektakel zu locken? Nicht ganz, denn das Team von „SWR 1 Pop & Poesie in Concert“ ist sicherlich keine gewöhnliche Cover-Band, die abgedroschene Hits runterspielt.

Die Musiker und Schauspieler haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Leuten Texte, die hinter weltbekannten Hits stecken, näherzubringen. Seit acht Jahren geht das Ensemble mit dieser Mission auf Tour. Die Mischung aus Musik, Comedy und Lesung hat bereits Kultstatus erreicht und kommt so gut an, dass die Karten für die Show in Wendlingen innerhalb weniger Minuten ausverkauft waren. Bereits eine Stunde vor Beginn der Show füllte sich das Zelt. Dicht aneinandergedrängt nahmen die Zuschauer auf den Stühlen vor der Bühne und auf den Rängen Platz. Kurz nach 20 Uhr betrat dann auch die Band das Zelt. Mt dicker Goldkette und in schwarzer Lederjacke begrüßte Radiolegende und Initiator des Programms, Matthias Holtmann, das Publikum. Die Atmosphäre im Zelt fasste er in wenigen Worten zusammen: „Ein bisschen eng, ein bisschen schwül, ein bisschen wie Woodstock.“

Was den Abend so besonders machte, waren die Künstler auf der Bühne, die es schafften, Songs, die jeder schon unzählige Male im Radio und auf Partys gehört haben dürfte, in einem ganz neuen Licht erscheinen zu lassen.

Vor jeder Nummer trugen Schauspieler die Texte erst einmal auf Deutsch vor. Nicht einfach so: In verschiedenen Kostümen und sehr gefühlvoll, tauchten sie in die Lieder ein und erzählten Geschichten. An den Gesichtern der Leute im Publikum konnte man gut ablesen, wer einen Song bereits jetzt schon erkannt hatte und wer noch ein bisschen drüber nachdenken musste. Doch spätestens mit Einsetzen der Musik dürfte jeder im Publikum erkannt haben, welcher Welthit gemeint ist.

Fast schon erschreckend, welch simple und sinnfreien Texte hinter vielen Ohrwürmern stecken. Zum Beispiel wenn Bill Haley den Zuhörer in seinem Lied „Rock around the clock“ wissen lassen möchte, dass er um 1, 2, 3 und 4 Uhr rocken möchte oder Paul Stanley von der Band Kiss gefühlte 100 Mal feststellt, dass er gemacht wurde, um eine Frau zu lieben („I was made for lovin you“).

Neben zahlreichen amüsanten „Aha-Momenten“ gab es aber auch diese Augenblicke, in denen es im gesamten Zelt still wurde und man Gänsehaut bekam. Momente wie der, als Schauspielerin Simone von Racknitz den Text von Pink Floyds „Wish you were here“ voller Gefühl interpretierte.

Zwischen den Stücken gab Holtmann immer wieder amüsante Anek­doten aus der Musikwelt zum Besten und versuchte, das Publikum etwas besser kennenzulernen. Auf die Frage, wann sie denn das Radio abschalten würden, kam aus dem Publikum die Antwort: „Bei der Werbung.“

Im zweiten Teil der Show ließ man die Balladen weitestgehend in der Schublade und konzentrierte sich vor allem auf Rock- und Pop-Hymnen wie „Smoke on the water“ und „Summer of 69“. Und je später der Abend wurde, umso überflüssiger wurden die Stühle im Publikum. Niemanden hielt es mehr auf seinem Platz, als Gitarrist Klaus-Peter Schöpfer ganz im Stile von Angus Young über die Bühne sprang. Denn mal ehrlich: Welche Cover-Band schafft es schon, einen von unzähligen Party-Bands durchgekauten Song wie „Summer of 69“ in einen Gänsehaut-Moment zu verwandeln?

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