Zwischen Neckar und Alb

Ein Eimer Wasser für die Wöchnerin

Historie Vor 150 Jahren entstand die revolutionäre Albwasserversorgung in Teuringshofen. Von Gabriele Böhm

Auf der Albwassertour ist auch ein historischer Wasserwagen zu besichtigen. Fotos: Gabriele Böhm
Auf der Albwassertour ist auch ein historischer Wasserwagen zu besichtigen. Fotos: Gabriele Böhm

Einfach den Hahn aufdrehen, und schon fließt das Wasser. Was heute selbstverständlich ist, war lange Zeit unvorstellbar. Vor 150 Jahren gab es in Teuringshofen bei Schelklingen einen revolutionären Schritt in Sachen Wasserversorgung. Ab 1870 wurde vom historischen Pumpwerk aus das Wasser aus der Schmiech hinauf auf die Alb gepumpt. Auf einem spannenden Rundweg kann man sich über die technische Pionierleistung informieren.

„Auf der Alb gab es aufgrund des durchlässigen Kalkgesteins wenig Wasser“, erzählt der Maschinenbauingenieur Markus Kempf, der das Pumpwerk betreut. Regenwasser wurde in Zisternen gesammelt. „In niederschlagsarmen Zeiten stand es lange und war im Grunde ungenießbar.“ Typhus, Cholera und eine hohe Kindersterblichkeit waren die Folgen. Um sauberes Wasser zu beschaffen, nahm die Bevölkerung große Mühen auf sich. „Die Bauern fuhren mit Ochsen- und Pferdegespannen die steilen Wege an die Flüsse hinunter, schöpften dort Wasser in Fässer und Bottiche und transportierten es auf die Alb hinauf.“ Bis zu 190 solcher Fuhren wurden an einem Tag verzeichnet. Vor allem im Winter habe es dabei viele Tote und Verletzte gegeben. „Wie kostbar Wasser war, sieht man auch daran, dass Wöchnerinnen als Geschenk einen Eimer Wasser bekamen.“

Baurat Karl Ehmann kam von außerhalb auf die Alb. In England und den USA hatte der Ingenieur Bergwerke entwässert und kannte sich mit Pumpensystemen aus. Die Zustände auf der Alb fand er völlig inakzeptabel. Er arbeitete Pläne aus und versprach für 100 000 Gulden eine erhebliche Verbesserung. Schnell bildeten sich bei den örtlichen Versammlungen drei Parteien: die „Nassen“, die den Plan befürworteten, die „Trockenen“ - Konservative, die sich weder mit der neumodischen Technik noch mit der hohen Summe anfreunden konnten - und die unentschiedenen „Lauen“. Letztlich gab es auch den Widerstand der Bauern, die ihren Nebenverdienst in Gefahr sahen. Erst als der Schultheiß Fischer von Justingen, ebenfalls von außerhalb zugezogen, auf den Plan trat, konnte das Vorhaben umgesetzt werden. „Er war Visionär, aber kein Träumer“, so Kempf über den fortschrittlichen Mann.

Am 11. Mai 1870 war das Pumpwerk fertig, am 20. Februar 1871 liefen die Pumpen das erste Mal. Durch über 200 Meter lange Rohre wurde das Wasser auf die Alb gepumpt und in Hochbehälter geleitet, an denen die Haushalte zapfen konnten. 1875 besah sich der König die Anlage, der ein Drittel finanziert hatte. Den Rest trugen die Ortschaften selbst. Ehmann hatte die Alb in Versorgungsgruppen geteilt. Gruppe 8 umfasste Justingen, Ingstetten und Hausen, die noch auf einer Tafel am Pumpwerk verewigt sind. Letztlich überzeugte Ehmanns einwandfrei funktionierende Anlage alle Zweifler, da jetzt auch bei Bränden schnell Löschwasser zur Hand war. Im Pumpwerk überwachte ein Wärter die Technik. „Da er viel Freizeit hatte, brachten ihm die Leute ihre Kinder zum Aufpassen“, schmunzelt Kempf. Die Anlage lief bis in die 1920er-Jahre. Die alten Wassergemeinschaften existieren jedoch bis heute. Aus der Eyach, Lauter und Schmiech wird heute Wasser auf die Alb gepumpt.

Im Pumpwerk sind die historischen Maschinen zu besichtigen, ergänzt durch eine Ausstellung und sehr gut erläutert durch Schautafeln. Am Gebäude startet seit 2018 die Albwassertour, auf der es alte Wasserräder, einen Original-Wasserwagen, Silhouettenfiguren der früheren Wasserschöpfer, den Sammelbehälter und auf schöner Strecke viele Sehenswürdigkeiten der Region zu erkunden gibt. Die Tour ist fast zwölf Kilometer lang und führt durch eine intakte Naturlandschaft.

Markus Kempf betreut das historische Pumpwerk.
Markus Kempf betreut das historische Pumpwerk.
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