Zwischen Neckar und Alb

Ein ganz anderer Blick in das Museum

Aktionstag Am bundesweiten Sehbehindertentag besuchte die Selbsthilfe-Ortsgruppe Nürtingen-Kirchheim das Freilichtmuseum in Beuren. Von Uwe Gottwald

Irene Negraszus (links) von der Ortsgruppe Nürtingen-Kirchheim im Blinden- und Sehbehindertenverband testet das Freilichtmuseum.
Irene Negraszus (links) von der Ortsgruppe Nürtingen-Kirchheim im Blinden- und Sehbehindertenverband testet das Freilichtmuseum. Foto: Jürgen Holzwarth

Eine relativ hohe Türschwelle, der Durchgang höchstens 1.60 Meter hoch, bitte den Kopf einziehen, sonst gibt es Dachschaden.“ Gaby Goebel gibt die Hinweise den Teilnehmern einer Führung für Sehbehinderte im Beurener Freilichtmuseum, die in dieser Woche aus Anlass des bundesweiten Sehbehindertentags stattfand.

Initiiert wurden die beiden Führungen im Museum des Landkreises von der Bezirksgruppe Nürtingen-Kirchheim, einer Selbsthilfegruppe unter dem Dach des Blinden- und Sehbehindertenverbands Württemberg. Während der Führungen war Ewald Löw, der Leiter der Gruppe, mit einem Informationsstand im Museum vor Ort, um auf die Anliegen sehbehinderter Menschen aufmerksam zu machen.

„Sehbehinderte im Museum“ lautete das Motto des diesjährigen Aktionstags, erläuterte Irene Negraszus, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Bezirksgruppe.

Gaby Goebel führt seit 23 Jahren Besuchergruppen durch das Museum mit seinen translozierten historischen Gebäuden aus dem Raum Mittlerer Neckar und Schwäbische Alb. Sie hat ein profundes Wissen über die Häuser, ihre Geschichten und über das Leben der Bewohner. Bei der Führung mit der Gruppe Sehbehinderter muss sie jedoch zusätzliche Informationen rüberbringen. Qualifiziert hat sie sich dafür unter anderem während eines Seminars an der Nikolauspflege, einer Stiftung, die blinden und sehbehinderten Menschen Hilfeleistungen und gesellschaftliche Teilhabe anbietet.

Im Haus Öschelbronn beginnt sie ihre allgemeinen Einführungen zum Museumsdorf, die sich von herkömmlichen Führungen noch nicht so sehr unterscheiden. Wichtig sind dann aber Angaben über Höhe, Breite und Länge, können doch die meisten Teilnehmer mit einem unterschiedlichen Grad von Sehbehinderungen kaum etwas von den Dimensionen des stattlichen Gebäudes erkennen.

Weitgehend barrierefrei

Das Museumsgelände ist weitgehend barrierefrei, und auch im Haus Öschelbronn, das auch als Tagungszentrum genutzt werden kann, ist ein Aufzug eingebaut. Das ist jedoch in den anderen historischen Gebäuden nicht möglich, und so sind Hinweise zu Stufen, Schwellen und den oft niedrigen Durchgangshöhen in den historischen Gebäuden immer wieder notwendig. In der guten Stube des repräsentativen Bauernhauses zeugen dann zum Beispiel die motivreichen Schablonenmalereien knapp unter der Decke rund um den Raum herum von dem Wohlstand der früheren Bewohner, was Sehbehinderten nur durch eine detaillierte Beschreibung zu vermitteln ist und Gaby Goebel auch gelingt.

Etwas einfacher ist es bei dem gusseisernen Wasseralfinger Ofen, einem Statussymbol damaliger Zeit. Der ornamentreich geschmiedete Ofen lässt sich nicht nur beschreiben, sondern auch befühlen, wozu Gaby Goebel die Besucher auffordert. Ihre Erklärungen zum Leben in früherer Zeit bereichert sie durch Exponate wie zum Beispiel die handgefertigten ledernen Alltagsschuhe, deren Sohlen mit Nägeln bestückt wurden, damit sie länger halten, und die sie reihum gehen lässt, um sie ebenfalls unter den Händen der Besucher „sichtbar“ werden zu lassen.

Auf das Fühlen und auf möglichst genaue Beschreibungen ist in der Gruppe Dieter Ott besonders angewiesen, kann er doch nur noch helle und dunkle Schemen erkennen. Im Wohn- und Stallhaus, das ehemals in Beurens Ortsmitte stand, gleiten seine Hände über die in Blei gefassten Butzenscheibenfenster.

Irene Negraszus hat ein stark verengtes Blickfeld, ähnlich eines Tunnels, und sieht in diesem auch nur verschwommen, mit dem Blindenstock bewegt sie sich recht sicher. Dass die schmalen und daher schwer ertastbaren Regenabflussrinnen quer über die Wege im Museum in dunkler Farbe sind, hält sie für hilfreich. „Überhaupt sind Kontraste für Menschen mit einem Sehrest wichtig“, sagt sie bei einem Fazit nach der Führung.Die Teilnehmer waren jedenfalls mehr als zufrieden mit dem Angebot.

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