Zwischen Neckar und Alb

Ein ganz besonderer Wasserspaß

Naturerlebnis Auf ins kühle Nass: Beim Nabu Kreisverband Esslingen können Jung und Alt den Neckar mit einem Schlauchboot entdecken. Von Daniela Haußmann

Ist das tatsächlich ein Eisvogel, der mit flinken Flügelschlägen das Neckarufer entlang fliegt? Im Sonnenschein ist sein blau schillerndes Gefieder kaum zu übersehen. Dominik, der den zierlichen Vogel als erster gesichtet hat, ist total begeistert. Zusammen mit zwölf weiteren Kindern und Jugendlichen, die am Ferienprogramm der Stadt Aichtal teilnehmen, entdeckt der Zehnjährige bei einer Schlauchbootfahrt des NABU Kreisverbandes Esslingen den Neckar aus nächster Nähe. Einige kräftige Paddelschläge genügen, damit das Gefährt Fahrt aufnimmt. Kaum haben es die Stromschnellen erfasst, wird die Nussschale kräftig durchgerüttelt, während das Wasser über den Bug bricht.

Fotos: Daniela Haussmann
Foto: Daniela Haußmann

Eine Bootslänge entfernt dreht eine Gruppe Blässhühner gemütlich ihre Runden. Wenige Meter weiter taucht ein Schwan seinen Kopf ins Wasser und reckt seinen Bürzel in die Höhe. Deutschlands zwölftgrößter Fluss hat eine bewegte Geschichte. Dass heute neben zahlreichen Vogelarten auch 42 Fischarten in dem Gewässer zu finden sind, ist laut Harald Brandstetter das Ergebnis einer aufwendigen Renaturierung und einer deutlichen Verbesserung der Wasserqualität. Wäschereien, Färbereien, Gerbereien und andere Industriebetriebe, die sich mit Beginn der Industrialisierung, teils in Flussnähe, angesiedelt hatten, leiteten dem Nabu-Guide zufolge, ihr Abwasser bis in die Sechzigerjahre unbehandelt in den Neckar. „Auch Haushaltsabfälle wurden ins Wasser gekippt“, erzählt Brandstetter.

Fotos: Daniela Haussmann
Foto: Daniela Haußmann

Von Wendlingen bis nach Plochingen

Moderne Filteranlagen und Klärwerke, ein steigendes Umweltbewusstsein und nicht zuletzt auch die Fortschreibungen im Umwelt- und Naturschutzrecht sind Beispiele, die aus Sicht des Experten dazu beigetragen haben, den Neckar als Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere neu zu entwickeln. Zwischen dem Startpunkt in Wendlingen und dem Tourenende in Plochingen liegen rund fünf Kilometer Strecke, die die drei Boote in etwa eineinhalb Stunden zurücklegen. „So träge wie es von außen scheint, ist der Neckar gar nicht“, findet Katharina. „Auch ohne zu paddeln kommen wir relativ flott voran.“ Plötzlich ein Ruck. Die Schülerin wird durchgeschüttelt. „Wir sitzen fest“, ruft Fabian, der mit seinen Eltern immer wieder im Kanu unterwegs ist. „Kommt mal alle zu mir rüber und dann ordentlich rütteln.“ Gesagt, getan. Unterstützt von einigen kräftigen Paddelschlägen rutscht das Boot vom Stein.

Fotos: Daniela Haussmann
Foto: Daniela Haußmann

Wie viele andere Flüsse, war auch der Neckar für die Menschen über viele Jahrhunderte hinweg eine wichtige Lebensader. Treidelkähne wurden laut Harald Brandstetter von Zugtieren stromaufwärts gezogen. „So wurden bis ins 19. Jahrhundert Waren transportiert“, erklärt er. Aber auch Baumstämme, die zu einem Floß gebunden wurden, ließen sich über die Wasserstraße schneller vom Schwarzwald über den Neckar verschiffen.

Seinem keltischen Namen, der sich mit „Wildes Wasser“ oder „Wilder Bursche“ übersetzten lässt, machte der Neckar vor seiner Begradigung alle Ehre. Vor allem nach Regenfällen trat der Strom über die Ufer, überschwemmte Ackerflächen und setzte Siedlungen unter Wasser.

Foto: Daniela Haußmann

Es wurde viel getan, um den Neckar „schiffbar“ zu machen. Trotzdem spülte der raue Geselle im September 1851 auf dem Cannstatter Volksfest einige Zelte davon. 1920 beschloss die Deutsche Nationalversammlung, den Neckar zur Großwasserstraße auszubauen. Schleusen, Wehre, steinerne Ufer und eine Tieferlegung des Flussbettes sollten den Neckar laut Harald Brandstetter in seinem Bett halten. All diese Maßnahmen haben laut dem Guide dazu geführt, dass die Auenlandschaft am Neckar verschwunden ist und mit ihr Lebensräume für viele Pflanzen und Tiere.

Foto: Daniela Haußmann

Katharina, Fabian, Jannis und Dominik tauchen ihre Paddel tief ins Wasser. Ihr Blick fällt auf einige im Kreis angeordnete Steine, die aus dem Wasser ragen, sogenannte Buhnen. „Die reduzieren die Fließgeschwindigkeit und geben Fischen die Chance hinter den Steinen, wo das Wasser ruhig ist, abzulaichen“, so Harald Brandstetter. Als die Boote in Plochingen anlegen, ist Katharina ein wenig enttäuscht, dass die Fahrt schon vorüber ist. Auf dem Wasser hat sie den Neckar aus einer ganz anderen Perspektive kennengelernt. Ein Erlebnis, das sie gerne wiederholen würde.

Lust auf eine Erlebnis-Tour?

Fotos: Daniela Haussmann
Foto: Daniela Haußmann

Der Nabu Kreisverband Esslingen bietet von Juni bis Oktober Neckar-Erlebnis-Touren mit dem Schlauchboot an. Neben Junggesellenabschieden, Betriebsausflügen und Kindergeburtstagen, haben auch schon Hochzeitsgesellschaften eine Fahrt auf dem Neckar gebucht.

Das Angebot richtet sich nicht nur an Gruppen von bis zu maximal 34 Mitgliedern. Einzelpersonen können an einer so genannten Terminfahrt teilnehmen, die allen Interessierten offen steht.

Kinder- und Jugendgruppen können das Erlebnis im Rahmen des „Schwimmenden Klassenzimmers auf dem Neckar“ nutzen. dh

Anzeige