Zwischen Neckar und Alb

Ein Idyll steht unter Beschuss

Vandalismus Müll sind die Wengerter im Weinberg gewöhnt. Mit der Zerstörung der Esslinger Schutzhütte ist nun ein neues Ausmaß erreicht. Von Miriam Steinrücken

Die Wengerterschutzhütte in den Esslinger Weinbergen wurde von Unbekannten übel zugerichtet. Nicht der erste Fall von Vandalismu
Die Wengerterschutzhütte in den Esslinger Weinbergen wurde von Unbekannten übel zugerichtet. Nicht der erste Fall von Vandalismus in der idyllischen Gegend: Schon nach dem Maiwandertag letzten Monat wurde dort ein Dixi-Klo angezündet.Fotos: Roberto Bulgrin

Grüne Reben, rote Trauben: Die Farben des Weins haben es sogar ins Stadtwappen geschafft. Vollkommen zu Recht, liegt Esslingen doch seit dem Mittelalter inmitten von Weinbergen. Romantische Gässchen winden sich die Hänge empor, am Wochenende wird unterwegs Wein ausgeschenkt. Doch das idyllische Bild hat Kratzer bekommen: Vergangene Woche wurde die Wengerterschutzhütte demoliert, und das ist nicht der erste Fall von Vandalismus in den Weinbergen.

Doris Metz entdeckte die zerstörte Hütte auf dem Weg zur Arbeit. Jeden Tag läuft die Esslingerin von der Neckarhalde in die Stadt runter. Am Dienstagmorgen fiel ihr gleich auf, dass etwas nicht stimmte. Unbekannte hatten versucht, die Eisentür aufzubrechen. Als das nicht gelang, hatten sie die Spanplatten von den Fensteröffnungen gerissen, um ins Haus einzusteigen. Drinnen hatten sie die hölzerne Bodenabdeckung aufgerissen und Ziegelsteine vom Dach gestoßen, sodass sie zerschlugen. Die Wände waren beschmiert, die einbetonierte Bank vor der Hütte aus dem Fundament gerissen und an einer Ecke angekohlt. Am Hang vor dem Haus waren Holzpflöcke aus dem Boden gerissen und Stahlpfosten verbogen. Die Weinreben, die sich an den Drähten hochgerankt hatten, lagen umgestürzt am Boden.

In früheren Zeiten diente die Wengerterschutzhütte den Weingärtnern als Unterstand und als Zwischenlager für Arbeitsgeräte. Heute steht sie unter Denkmalschutz und gehört der Stadt, die sie gerade renovieren ließ.„Irgendetwas verändert sich zurzeit“, kommentiert Metz die Szene. „Müll gab es schon immer, aber der Vandalismus ist neu.“ Das können die Weingärtner Esslingen bestätigen. Geschäftsführerin Ramona Fischer berichtet von einem Dixi-Klo, das im Anschluss an den Weinwandertag Mitte Mai angezündet worden ist. Davor hatte die Genossenschaft nur mit Abfall zu kämpfen. Bierdosen und Schnapsflaschen, Pizzakartons und Einweggrills, Plastikbecher und Pappteller: Die Leute feiern in den Weinbergen und lassen die Reste laut Fischer einfach liegen. Einige werfen sogar Flaschen in die Gärten, wo die Glassplitter die Reifen der Traktoren aufschlitzen können. „Vor dem sonntäglichen Weinausschank am Schenkenbergtreff und den Weinproben am Staffelsteigerplätzle müssen wir erst mal den Müll zusammensuchen“, beklagt Fischer. „Zwei große Säcke werden jedes Mal voll.“

Müll und Vandalismus betreffen circa hundert Weingärtner, die auf 72 Hektar Land rund um Esslingen ihre Gärten bewirtschaften. Einer von ihnen ist der Besenwirt Thomas Kielmeyer. Im vergangenen Jahr wurden die Scheiben seines Baggers in den Weinbergen eingeschlagen. Daraufhin erstattete Kielmeyer Anzeige bei der Polizei. Auch Monika Kusterer vom Weingut Kusterer wünscht sich Unterstützung: Aufmerksame Spaziergänger brauche es, die aus dem Ruder gelaufene Partys melden. Sie erwartet auch Hilfe der Stadt bei der Schadensbehebung und Polizeistreifen, die öfter kontrollieren. „Denn wenn man nichts dagegen unternimmt, wird es immer schlimmer“, fürchtet Kusterer.

Polizeisprecher Michael Schaal lässt allerdings wenig Raum für Hoffnung. Ja, die Polizei fahre die Treffpunkte der Jugendlichen in den Weinbergen ab, abends und nachts, am Wochenende und bei schönem Wetter. „Aber wenn viel los ist, geht anderes vor“, sagt Schaal. Eine Ausweitung der Kontrollen sei auch nicht geplant. „Wengerterschutzhütte und Dixi-Klo sind Einzelfälle“, versichert der Beamte. „Vandalismus in größerem Ausmaß gibt es in den Weinbergen nicht.“ Für die drei Fälle lägen zwar Anzeigen vor, die Ermittlungen seien bislang jedoch allesamt ergebnislos verlaufen. „Wenn es keine Augenzeugen gibt, ist es schwierig, einen Täter zu finden“, gibt Michael Schaal zu bedenken.

Hilflosigkeit macht sich breit. „Man regt sich auf“, gesteht Fußgängerin Metz. „Weiß aber nicht, wie man das Problem in den Griff bekommen soll.“

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