Zwischen Neckar und Alb

Ein Koloss auf Deutschlandreise

Spektakel Der Ersatzflügel für ein lädiertes Windrad ist auf dem Schurwald angekommen. Der Schwertransport war zuvor eine Woche lang unterwegs gewesen. Von Harald Flößer

23. Juli 2019, Baltmannsweiler, Foto: KaierAustausch eines Rotorblatts der Windkraftanlage Goldboden. Der Transport kommt aus Sc
23. Juli 2019, Baltmannsweiler, Foto: KaierAustausch eines Rotorblatts der Windkraftanlage Goldboden. Der Transport kommt aus Schnait auf dem Schurwald an und fährt Richtung Goldboden

Jetzt kommt er gleich.“ Dem kleinen Martin geht es wie etlichen Schaulustigen, die gespannt an der Goldboden-Kreuzung zwischen Hohengehren und Engelberg ausharren. Dann lugt der Koloss aus der Waldschneise hervor, Stück für Stück, fast in Zeitlupe, bis man den 64-Meter-Riesen in voller Größe erkennt. Ein neues Rotorblatt ist im Anmarsch. Es soll an der mittleren der drei Windkraftanlagen angebracht werden, weil das alte Blatt Risse hat. Eine gute Woche hat es gedauert, bis das aus Glasfasern gefertigte Ungetüm von Rostock hierher gekarrt wurde - mit zahllosen Hindernissen, die sich dem Schwertransporter in den Weg gestellt haben.

Eine kritische Stelle musste eine Stunde zuvor in der Ortsdurchfahrt von Schlichten genommen werden. Doch ein echtes Problem stellte dieser Engpass zwischen zwei Häusern für Carsten Langenstroer und seine Leute nicht dar. Genauso wenig wie zwei Kreisverkehre in Schorndorf oder die Schurwald-Aufstiegsstraße. Die Männer von Wörmann, einer bei Paderborn ansässigen Firma für Verkehrstechnik, haben schon ganz andere Probleme gelöst. „Manchmal müssen wir ganze Kreisverkehre dem Erdboden gleichmachen“, berichtet Langenstroers Kollege Markus Kläsener. Dieses Mal ist es meist mit dem Ab- und dem Wieder-Anmontieren von Straßenschildern getan. An manchen Stellen müssen 860 Kilogramm schwere Stahlplatten ausgelegt werden. Bei Unebenheiten sollen sie gewährleisten, dass das Transportfahrzeug nicht ins Straucheln kommt. So wie kurz vor dem Ziel, an der Einfahrt in den Betriebsweg, der zu den Windrädern führt.

Noch einmal ist von den beiden Lenkern des sogenannten Selbstfahrers höchste Konzentration verlangt. Gemeinsam steuern sie das Fahrzeug um die Kurve, der eine mit Kommandos, der andere mit einer Fernbedienung. Die Kunst besteht darin, nicht nur die acht Achsen des Riesengefährts zu steuern, sondern gleichzeitig darauf zu achten, dass der Flügel-Koloss nirgends anstößt. Das gelingt, weil sich das Rotorblatt per Hydraulik aus der Waagrechten in die Senkrechte bringen lässt.

Gegen 13.30 Uhr ist es geschafft. Nach seiner langen Reise liegt der Koloss am Fuße des Windrads. Alles hat gut geklappt. Ende Juli soll der Flügel montiert werden, sagt Dagmar Jordan, die Sprecherin des Energiekonzerns EnBW, der die drei Windräder auf dem Schurwald-Rücken betreibt. Keine große Sache: Das Rotorblatt werde mit einem Kran waagrecht hochgezogen und dann an der Nabe verschraubt. Dass so ein Windradflügel ausgetauscht werden muss, passiert nach ihren Aussagen eher selten. Bei 20 Jahren Laufzeit gebe vielleicht mal ein Getriebe seinen Geist auf. Dass dieses zentrale Bauteil nach nicht einmal zwei Jahren schon defekt ist, liegt an einem Unfall. Beim Transport hatte 2017 ein Lkw das Rotorblatt touchiert, was zu Rissen auf der Glasfaser-Fläche führte. Zunächst versuchte man es mit einer Reparatur. Dafür stand das Windrad Anfang des Jahres für einige Zeit still. Doch brachte die Aktion nicht den gewünschten Erfolg. Der Betreiber und die Herstellerfirma, die Nordex SE, entschieden, das lädierte Rotorblatt gegen ein neues auszutauschen.

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