Zwischen Neckar und Alb

Ein Moderator für die Notaufnahme

Ruiter Krankenhaus verstärkt das Notfallteam – Belastung durch unwissende und bequeme Patienten

Überlastete Notfallaufnahmen in den Kliniken liefern häufig Schlagzeilen. In Ruit wird die Notversorgung deshalb personell verstärkt.

Michael Beier ist der neue Ärztliche Leiter der Notaufnahme am Ruiter Krankenhaus. Er koordiniert die Arbeit von drei bis vier w
Michael Beier ist der neue Ärztliche Leiter der Notaufnahme am Ruiter Krankenhaus. Er koordiniert die Arbeit von drei bis vier weiteren Ärzten und etwa 30 Pflegekräften.Foto: Robin Rudel

Ostfildern. Auch am Paracelsus-Krankenhaus in Ruit müsste die Hälfte der Patienten nicht unbedingt die Notaufnahme ansteuern. „Anstatt zu klagen, machen wir uns fit für diesen Ansturm“, sagt der Ärztliche Direktor Christian Herdeg. Die zentrale Notaufnahme wurde personell verstärkt und hat seit Anfang September einen Ärztlichen Leiter. Michael Beier hat langjährige Erfahrung in der Notfallversorgung.

Schon vor Monaten wurde das Foyer des Kreiskrankenhauses umgebaut. Patienten und Besucher können zunächst den neuen, orangefarbenen Informations-Tresen ansteuern. Wenige Schritte daneben ist nun der Schalter für die Notaufnahme. Wer dort hingeht, wird von einer qualifizierten Pflegekraft aufgenommen. Ihre Aufgabe ist eine erste Einschätzung. Mit EDV-Unterstützung fragt sie Symptome und Zustandsbilder ab, diese Eingaben werden über einen Algorithmus bewertet. Damit könne das Pflegepersonal zuverlässig den Status der Patienten priorisieren, sagt Michael Beier, also die Dringlichkeit klären. Chefarzt Herdeg setzt nicht nur auf die EDV: Wenn ein Infarkt zu erkennen sei, komme der Patient sofort ins Herzkatheterlabor.

Bringt der Notarztwagen den Patienten, dann sind die Retter mit wenigen Schritten im Schockraum. Neben den sechs Behandlungsboxen, Röntgen- und Gipsraum hat die Notaufnahme zwei Besonderheiten zu bieten: Die Synkopen-Kollaps-Unit, die sich um Patienten kümmert, die aus ungeklärten Gründen bewusstlos wurden. Mehrere Experten ergründen fachübergreifend die Ursache. Nicht neu, aber wichtig ist die Chest Pain Unit, in der Patienten mit unklaren Brustschmerzen landen. Kardiologe Herdeg schätzt diese Diagnoseeinheit, weil sie Patienten mit niedrigem Risiko schnell identifiziert und diese gleich wieder entlassen und zur ambulanten Behandlung weitergeleitet werden können.

„Der kritische Punkt liegt immer an den Schnittstellen“, sagt der Ärztliche Direktor Herdeg. Für Bauchschmerzen kann der Urologe, der Gastrologe oder der Chirurg der richtige Arzt sein. Der neue Notaufnahmechef versteht sich als „Moderator der interdisziplinären Arbeit, als Libero“. Beier ist in Esslingen aufgewachsen, hat in Tübingen studiert, fünf Jahre am Kreiskrankenhaus Kirchheim und drei Jahre am Katharinenhospital Stuttgart gearbeitet. Drei Jahre lang hat er dann als Honorararzt Erfahrungen in der Intensivmedizin gesammelt und ist nun mit 42 Jahren in Ruit gelandet. Er sei positiv überrascht gewesen, wie gut die Notaufnahme funktioniere, sagt Beier. Kleinere Reibungsverluste in den Abläufen könne man noch beseitigen und eventuell über eine spezielle Software den Informationsfluss vom Notarztwagen in die Klinik verbessern.

Wie man das vordringliche Problem, die unverhältnismäßige Beanspruchung der Notaufnahme, in den Griff bekommt, weiß man in Ruit noch nicht. Die Zuwachsraten betragen seit Jahren zwischen vier und acht Prozent. Es fällt auf, dass die Notaufnahme abends und an Wochenenden, wenn die Menschen Zeit haben, besonders gefragt ist. 70 Prozent der Patienten kommen außerhalb der normalen Dienstzeiten. Wegschicken und auf die Notfall-praxis am Esslinger Klinikum hinweisen, ist für Herdeg keine Alternative. Dass jemand auf dem Parkplatz zusammenbricht, will der Chefarzt nicht riskieren. „Wir müssen jeden erst einmal medizinisch einschätzen.“

Irgendeinen Filter einbauen, wäre aber sinnvoll, sagt Klinikleiter Sebastian Krupp. Mit der Kreisärzteschaft redet man nach wie vor über eine Notfallpraxis an der Klinik. Denkbar wäre auch, dass die Klinik einen Hausarzt anstellt. Doch der könnte als Konkurrenz zu Niedergelassenen aufgefasst werden. Herdeg: „Wir sind für jedes Konzept offen. Aber eigentlich ist ein gesellschaftlicher Diskurs darüber nötig, was wir wollen.“

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