Zwischen Neckar und Alb

„Eine Behinderung ist nicht das Ende der Lebensqualität“

Glaube So mancher predigt nur und tut etwas ganz anderes. Was aber Matthias Berg in Nürtingen 200 Menschen empfiehlt, hat er selbst gelernt und durchlitten. Von Peter Dietrich

Als Kind wünschte sich Matthias Berg: Gott, schenk mir lange Arme. Er bekam sie nicht - und ist sehr zufrieden. Foto: Peter Diet
Als Kind wünschte sich Matthias Berg: Gott, schenk mir lange Arme. Er bekam sie nicht - und ist sehr zufrieden. Foto: Peter Dietrich

Ach gäbe es doch mehr Leute wie ihn. Matthias Berg hat eine Art und Weise, wie er sein Leben begeistert anpackt und wie er offen und freimütig über seine Freuden und Probleme berichtet, die bewegt. Wer Selbstvertrauen habe, brauche kein Brimborium, sagte Berg. Er selbst ist zu 100 Prozent brimboriumfrei, seine frische Direktheit passt wunderbar zu Luther und der Reformation. Zu diesem Anlass hatten ihn das Evangelische Bildungswerk im Landkreis Esslingen und der Evangelische Kirchenbezirk Nürtingen eingeladen.

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„Ich hatte eine tolle Kindheit“, sagte Matthias Berg über seine Zeit in Detmold. Er durfte überall mit, wurde nie gehänselt, ging zur Regelschule, fuhr Ski und Fahrrad. Mit Zehn, nach dem Umzug nach Trossingen, spürte er erstmals, dass er schlechter dran war: „Ich hatte eine Dreifachbehinderung: rote Haare, kurze Arme und kein Schwäbisch.“ Einige Jahre lang war das Standardgebet des Contergan-Geschädigten: Lieber Gott, schenke mir endlich lange Arme. „Ich bekam sie nicht“, sagt er heute. „Aber großartige Eltern und Talente für Musik und Sport, und unterm Strich ist das viel, viel mehr.“ Hätte ihn, so fragt er, mit langen Armen die Musik rund um die Welt geführt? „Gott hat einen Plan mit uns, und dieser Plan ist gut“, sagt er als Christ aus voller Überzeugung. „Aber wir sind keine Marionetten, wir haben in allem die Wahl.“

Etwa die Wahl einer heiteren Gelassenheit, auch wenn der Weg zu ihr eine Weile dauere. Als er einmal mit dem Rad nach rechts abgebogen ist, rief ihm einer hinterher: „Zum KZ geht es links.“ Bergs Spruch zu solchen Unverschämtheiten: „Was kratzt es eine deutsche Eiche, wenn sich eine Wildsau an ihr reibt?“

Seit 2000 ist der Jurist, Hornist und Spitzensportler ZDF-Experte für die Paralympics. Er beschreibt sich selbst als „Oliver Kahn für Kassenpatienten“ und kennt dadurch viele Behindertensportler. „So ein gutes Leben hatte ich noch nie“, hört er von ihnen immer wieder. Wie das? „Die Re-Formation passiert zuerst in unseren Gedanken“, sagt Berg. Diese Gedanken müssten dann Herz und Bauch mitnehmen. Den Sportlern sei es gelungen, einen Schalter im Kopf umzulegen: Was kann ich mit dem, was ich vorfinde, tun?

99 Prozent der Sportler, erzählt er, begannen mit dem Rehasport: auf die Bettkante sitzen und erste Schritte. Einige landeten dann im Spitzensport. „Eine Behinderung ist nicht das Ende von Lebensqualität, Freunden, Familie und Beruf.“

Ihn selbst warf mit 53 Jahren eine Augenerkrankung aus dem Beruf als stellvertretender Landrat. „Vier Kinder und das Häusle abzubezahlen, plötzlich sind 40 Prozent vom Gehalt weg, und ich musste Sport und Musik aufgeben.“ Vier Jahre lang war er in der Tübinger Augenklinik Stammpatient, nun ist die Situation stabil, und er hat wieder mit Sport und Musik begonnen. Ob er wieder öffentlich spielen wird, weiß er noch nicht. Inzwischen hat Berg das Buch „Mach was draus!“ geschrieben und sich als Vortragsredner ein neues Standbein geschaffen.

Beim Vortrag in Nürtingen bezog sich Berg auf den Bericht des Evangelisten Markus, wie Jesus einen Gelähmten heilt. „Er sagt zu ihm, er solle sein Bett nehmen und nach Hause gehen, nicht, dass er es sich in seinem Leid gemütlich machen soll. Er trägt ihn auch nicht nach Hause. Geh du die Schritte, die für dich notwendig sind!“

Die Schritte, die behinderte und nicht behinderte Menschen zusammen gehen müssten, bräuchten Zeit. „Wir müssen uns aneinander gewöhnen.“ Berg hatte sich bewusst am Eingang platziert, um möglichst jeden Besucher mit Handschlag zu begrüßen. Dabei, erzählte er später, habe er immer wieder das kleine Fragezeichen im Gesicht gesehen: „Darf ich da hingreifen? Fest zugreifen?“ Dann mache er zur Ermunterung gerne einen kleinen Schritt nach vorne. Außer, das Zögern sei zu groß, dann warte er ab und denke: „Aber beim Tschüs-Sagen, da kriege ich dich.“ Wenn man sich ein wenig kenne, das weiß er gut, dann trete die Behinderung in den Hintergrund.

Wie ist das mit Menschen, deren Behinderung gar nicht zu sehen ist? Die Ansprüche in einer Leistungsgesellschaft seien hoch, antwortete Berg auf die Frage eines Zuhörers. Ein „das kann doch nicht so schwer sein“ oder „stell dich nicht so an“ komme da viel zu schnell über die Lippen.