Zwischen Neckar und Alb

Eine Chance für Jafari, Hassan und Alizadeh

BAZ Esslingen geht mit „Jump up“ neue Wege in der beruflichen Integration junger Flüchtlinge

Fazl Ahmad Jafari, Anette Lang, Nadine Woyack, Rohola Hasani, Andrea Petersen, Sarina Guserle, Shokri Hassan, Nemat Alizadeh (vo
Fazl Ahmad Jafari, Anette Lang, Nadine Woyack, Rohola Hasani, Andrea Petersen, Sarina Guserle, Shokri Hassan, Nemat Alizadeh (von links) in der Holzwerkstatt des BAZ.Foto: Ulrike Rapp-Hirrlinger

Esslingen. Stolz zeigt Fazl Ahmad ­Jafari die Teile eines Kinderbetts in Form eines flotten Autos, das er in der Holzwerkstatt des Beruflichen Ausbildungszentrums Esslingen für

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seinen dreijährigen Sohn baut. Der 24-Jährige, der seit fünf Jahren in Deutschland lebt, gehört zu den ersten acht Teilnehmern im Projekt „Jump up“. Der Name steht für „Junge Menschen mit Fluchterfahrung haben Plan und Perspektive“. Die nächsten acht Flüchtlinge werden im April aufgenommen und eine dritte Gruppe im Sommer. Ihnen allen will das BAZ durch eine individuelle Förderung den Übergang in einen Beruf oder eine Ausbildung erleichtern.

Vermittelt werden die Teilnehmer vom Jobcenter. Voraussetzung ist ein abgeschlossenes Asylverfahren und Grundkenntnisse in der deutschen Sprache. Nur so haben sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt eine Perspektive. „Wir haben viel Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Migrationshintergrund. Das wollen wir für dieses neue Projekt nutzen“, sagt Anette Lang, Leiterin des BAZ. Auch für Nadine Woyack, Teamleiterin im Jobcenter Esslingen, sind diese Erfahrungen und die erfolgreiche Arbeit des BAZ ein wichtiger Grund, warum man „Jump up“ gemeinsam auf die Beine gestellt hat. „Schließlich betreten wir völliges Neuland. Wir können hier wichtige Erfahrungen sammeln auch für weitere und größere Projekte dieser Art“, sagt Woyack. Schrittweise werde das Konzept inhaltlich weiterentwickelt.

In fünf Phasen erkunden die jungen Menschen ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten und können sich bei Praktika in verschiedenen Berufsfeldern orientieren. Noch stärker als bei anderen Berufsbildungsmaßnahmen liegt ein wichtiger Schwerpunkt auf Sprachunterricht sowie der kulturellen und sozialpädagogischen Förderung. Durch Expeditionen und Ausflüge werden den Teilnehmern „Land und Leute“ sowie die deutsche Kultur näher gebracht. Die Mitarbeiter des BAZ unterstützen die Teilnehmer darüber hinaus bei der Bewältigung des Alltags.

Durch das von der Sprache unabhängige Testverfahren „Hamet“ werden die handwerklich-motorischen Basiskompetenzen der Teilnehmer ermittelt. In den Werkstätten des BAZ, aber auch in Betrieben lernen sie die hiesige Arbeitsrealität kennen und ihre handwerklichen Fähigkeiten werden vertieft. Am Ende steht ein Praktikum, das idealerweise zu einer Vermittlung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung oder Ausbildung mündet. Auch nach dem Abschluss werden die Absolventen bei Bedarf weiter betreut.

Insgesamt können im auf zunächst ein Jahr angelegten Projekt 24  junge Frauen und Männer im Alter zwischen 20 und 35 Jahren teilnehmen. „Viele haben keine Schulbildung, kommen nach Deutschland ohne lesen und schreiben zu können, andere haben Abitur oder gar einen Hochschulabschluss“, weiß Projektmitarbeiterin Sarina Guserle. „Manche Berufe gibt es bei uns gar nicht“, ergänzt ihre Kollegin Andrea Petersen. So haben die beiden Näher Nemat Alizadeh (33) aus Afghanistan und Shokri Hassan (27) aus Syrien kaum eine Chance, in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten. Deshalb träumt Alizadeh davon, eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer zu machen. Hassan ist in Deutschland das erste Mal überhaupt zur Schule gegangen. „Ich habe gelernt, mit einem Computer umzugehen“, erzählt er stolz.

Eine Ausbildung wie in Deutschland kennen die meisten Teilnehmer nicht. „Man arbeitet einfach“, erklärt Hassan. Auch Jafari hat zwar über Jahre im Iran eine eigene Schreinerwerkstatt betrieben, nach Zeichnungen zu arbeiten, ist ihm aber fremd. Das soll er unter anderem lernen. Mit der praktischen Arbeit, so erzählt er, habe er keine Probleme – aber die Sprache sei sehr schwierig. Doch er hat auch gelernt: „In Deutschland geht nichts ohne Papiere.“ Schon gar nicht, wenn er seinen Traum von der eigenen Werkstatt verwirklichen will. Am liebsten würde er gleich arbeiten und Geld verdienen. „Ihre Chancen, dauerhaft eine gute Arbeit zu bekommen und auch zu behalten, sind mit einer Ausbildung viel größer“, erklärt ihm Nadine Woyack. Lang und ­Woyack stellen den jungen Flüchtlingen ein gutes Zeugnis aus. Viele seien engagiert bei der Suche nach Arbeit und benötigten vor allem Unterstützung bei der Umsetzung. „Sie sind von sich aus rührig und bleiben dran. Meist scheitert es nicht an der Motivation, sondern etwa an fehlenden Zeugnissen oder Nachweisen für eine Ausbildung“, ergänzt ­Woyack. Lang hofft nun, dass sich möglichst viele Betriebe finden, die den Flüchtlingen die Chance für ein Praktikum eröffnen.

Das BAZ arbeitet im Projekt nicht nur eng mit dem Jobcenter, sondern auch mit Experten und Beratungsstellen für Flüchtlinge wie dem Kreisdiakonieverband, der Chai-Beratungsstelle in Kirchheim und ehrenamtlichen Initiativen zusammen. Finanziert wird die Arbeit zur Hälfte vom Europäischen Sozialfonds, über Zuschüsse des Jobcenters, des Diakonischen Werks Württemberg und eines Fonds für Kleinprojekte der Evangelischen Landeskirche.