Zwischen Neckar und Alb

Eine goldene Zukunft?

Reaktivierung Der Wiederaufbau der Bahnstrecke nach Göppingen könnte sich lohnen. Das zeigt der Blick auf vergleichbare Strecken in der Region, die florieren. Von Peter Dietrich

Die Schönbuchbahn wird fast viermal so viel genutzt, wie 1993 geschätzt wurde. Jetzt wurden für 51 Millionen Euro neue Elektrotriebwagen bestellt, die den Andrang schultern können – durch schnellere Fahrzeiten und mehr Platz. Fotomontage: CAF/Zweckverband Schönbuchbahn

 

 

 

Schon Ende 1966 war im Schönbuch Schluss, der letzte Personenzug auf der Schönbuchbahn von Böblingen nach Dettenhausen war abgefahren. Der Güterverkehr hielt sich noch länger, doch 1988 wollte die damalige Deutsche Bundesbahn die Strecke stilllegen. Sie hatte ihre Rechnung ohne die Anliegergemeinden, die Landkreise Böblingen und Tübingen und viele widerständige und zähe Bürger gemacht. Schnell beauftragte der Böblinger Kreistag im Mai 1988 ein Gutachten zur Reaktivierung der Strecke. Das Ergebnis war positiv.

 

Bald elektrisch

 

 

Fünf Jahre später sagte das Land die Förderung nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) zu. Zu diesem Zeitpunkt saßen auf dieser Strecke täglich 2 000 Fahrgäste im Bus. Die erste Prognose für die Wiederinbetriebnahme der Bahnstrecke lag bei werktäglich 2 500 Fahrgästen. Sie lag gewaltig daneben. Der Betrieb begann im Dezember 1996 mit werktäglich 4 000 Fahrgästen, zehn Jahre später waren es bei ausgeweitetem Fahrplan schon rund 7 000, derzeit sind es täglich zwischen 8 000 und 9 000 Fahrgästen. Die Strecke ist an ihren Kapazitätsgrenzen angelangt und wird nun elektrifiziert. „Wir beginnen in den Sommerferien, die Arbeiten dauern ein ganzes Jahr“, sagt Dusan Minic vom Landratsamt Böblingen.
Der Zweckverband investiert nicht nur 90 Millionen Euro in die Strecke, er hat auch für 51 Millionen Euro bei CAF in Spanien neue Elektrotriebwagen bestellt. Sie bringen mehr Sitzplätze und eine Fahrzeitverkürzung. In der Hauptverkehrszeit wird bis Holzgerlingen der 15-Minuten-Takt eingeführt. Minic erwartet dann rund 10 000 Fahrgäste pro Tag.

 

 

 

Andere Strecken, wie die zwischen Göppingen und Schwäbisch Gmünd, wurden umgebaut. Dort kann man jetzt radeln.

 

 

 

Die Ammertalbahn war lange unterbrochen, die roten Schienenbusse brummten von Tübingen aus nur noch zu Stoßzeiten und im Schülerverkehr bis Entringen. Seit 1999 ist die Strecke wieder bis Herrenberg durchgebunden, die Regio-Shuttles RS1 fahren von Plochingen über Tübingen bis Herrenberg durch. Im Jahr 1999 wurden im Ammertal 5 150 Fahrgäste gezählt, aktuell sind es täglich 8 800. Auch diese Strecke ist an ihren Grenzen, zusätzliche Triebwagen wären nötig, und die Anschlüsse in Herrenberg sind knapp. Nun ist auch dort die Elek­tri­fi­zie­rung in Sicht. Die Strecke gehört zur ersten Phase der Regionalstadtbahn Neckar Alb, gemeinsam mit der Strecke Tübingen – Metzingen und der Ermstalbahn von Metzingen nach Bad Urach.

 

 

70 Prozent fahren lieber Zug

 

 

Auf der Ermstalbahn hatte der Schienenbus im Mai 1976 ausgedieselt. Doch im Jahr 1988 gründeten Eisenbahnfreunde die Erms­tal-Verkehrs-Gesellschaft, die 1992 zur EVG AG wurde. Auf Anhieb zeichneten mehr als 1 000 Aktionäre, zwei Jahre später war die EVG im Besitz der Strecke. Sie wandelte sich erneut zur Erms-Neckar-Bahn Eisenbahninfrastruktur AG und nahm im August 1999 den Personenverkehr wieder auf. Betrieben wird er von der DB-Tochter RAB.
Der Zug fährt im Stundentakt, im Wechsel mit dem Bus, ab 21 Uhr am Abend fährt nur der Bus. Dennoch bevorzugen rund 70 Prozent der Fahrgäste den Zug, im Jahr 2012 zählte er rund 2600 Fahrgäste pro Tag. Im Februar 2017 erging der Planfeststellungsbeschluss zur Elektrifizierung, nun folgt der Antrag für die GVFG-Förderung.

 

 

Info Dieser Text ist Teil einer Miniserie über Reaktivierungen von alten Bahnstrecken. Der erste Teil war am 10. Juni im Teckboten zu lesen (Seite 18). Der dritte und letzte Teil folgt in den nächsten Tagen.

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