Zwischen Neckar und Alb

„Eine tickende Zeitbombe“

Gericht Ein 22-Jähriger hat Sanitäter und Polizisten getreten, bespuckt, beleidigt und mit einem Messer bedroht.

Nürtingen/Stuttgart. Am ersten Verhandlungstag vor der 19. Großen Strafkammer wurde der Angeklagte mit Handschellen aus dem Zentrum für Psychiatrie Weissenau vorgeführt. Er sei sehr aufgeregt, bemerkte der 22-Jährige, der äußerlich ruhig wirkte. Körperverletzung, versuchte Körperverletzung, Beleidigung sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte lauten die Vorwürfe. Der gelernte Maler und Lackierer saß bereits Ende Oktober 2015 auf der Anklagebank des Amtsgerichts Nürtingen. In der damaligen Hauptverhandlung attestierte der behandelnde Arzt dem Angeklagten eine massive Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mit psychotischen Schüben: „Er ist eine tickende Zeitbombe und kann der nächste Amokattentäter von Winnenden sein“, zitierte der Vorsitzende Richter aus dem Protokoll der Sitzung. Das Verfahren wurde dann ans Landgericht verwiesen.

Der Mann soll im Krankenhaus und in der Psychiatrie in Nürtingen einen Rettungssanitäter sowie eine Polizeibeamtin mit Tritten verletzt und weitere Polizeibeamte beleidigt haben. Darüber hinaus wirft die Staatsanwaltschaft dem 22-Jährigen vor, auf der Straße vor seiner Wohnung in Frickenhausen einer Nachbarin mit einem Bierkrug und den zwei herbeigerufenen Polizisten mit dem Messer gedroht zu haben. Da wegen einer Erkrankung vermutlich Schuldunfähigkeit vorliegt, soll das Landgericht Stuttgart nun über eine Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung entscheiden. Anlass waren die Vorfälle im Krankenhaus und in der Psychiatrie in Nürtingen im Dezember 2015.

Er habe bereits am Vorabend viel getrunken, erzählte der 22-Jährige in der Verhandlung. Am nächsten Vormittag sei es zu einem Streit mit seiner Mutter gekommen, er habe wieder getrunken und dann einen Filmriss gehabt. Der junge Mann will sich erst wieder daran erinnern, wie er ans Bett fixiert in der Psychiatrie aufgewacht war.

Selbstmorddrohung per Whatsapp

Der zuletzt Arbeitslose hatte sich wohl zunächst beim Eintreten seiner Wohnungstür in Frickenhausen verletzt. Im Krankenhaus hatte er dem Staatsanwalt zufolge den Rettungssanitäter, der ihn versorgen wollte, mehrfach getreten, sodass dieser noch fünf Tage lang unter Schmerzen litt. Einer der beiden zu Hilfe geeilten Polizeibeamtinnen bekam auch einen Tritt ab. Beide soll der 22-Jährige zuvor beleidigt haben. In der Psychiatrie soll er den Frauen ins Gesicht gespuckt haben. Von diesem Tag an will sich der 22-Jährige mehrfach freiwillig in psychiatrische Behandlung begeben haben. Bis zu seinem 14. Lebensjahr hatte der junge Mann, der zunächst auf die Sonderschule gegangen war, aber dann seinen Werkrealabschluss mit guten Noten nachgeholt hatte, bereits Medikamente genommen.

Am 7. Juni 2016 kurz nach Mitternacht vor der Wohnung in Frickenhausen kam es dann zu dramatischen Szenen: Eine Nachbarin, die durch Geschrei und quietschende Reifen aufmerksam geworden war, wollte dem betrunkenen 22-Jährigen den Autoschlüssel abnehmen und befürchtete, mit einem erhobenen Bierkrug erschlagen zu werden. Den beiden Polizeibeamten drohte der Angeklagte später mit einem langen Küchenmesser. Mit dabei war noch ein Teleskopstock. „Wollten Sie sich erschießen lassen?“, fragte der Vorsitzende Richter, der diesen Schluss aus der ersten Aussage des Festgenommenen in der Vernehmung gezogen hat. Der Angeklagte soll seiner Mutter auch mal eine Whatsapp-Nachricht mit der Ankündigung, sich von einer Brücke zu stürzen, geschickt haben. Er sei nicht krank und in der Psychiatrie fehl am Platz, meinte er hingegen selbst. Der Prozess wird fortgesetzt. Sabine Försterling

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