Zwischen Neckar und Alb

Eine Weihnachtsgeschichte

Der Landkreis muss auch während der Festtage Platz für neue Flüchtlinge schaffen

Keine Zeit zum Durchatmen. Besinnliche Tage am Jahresende erwarten weder die 1 500 neuen Flüchtlinge, die bis Mitte Januar im Kreis Esslingen unterkommen müssen, noch die dafür zuständigen Stellen. Für etliche Mitarbeiter im Landratsamt ist der Weihnachtsurlaub bereits gestrichen.

Keine Spielräume mehr: Landrat Heinz Eininger
Keine Spielräume mehr: Landrat Heinz Eininger

Esslingen. Aktueller als in diesem Jahr war die Weihnachtsgeschichte in jüngerer Vergangenheit nie. Der Stall von Bethlehem, Symbol der Hoffnung für Christen in aller Welt, er steht in diesen Tagen in fast jeder Stadt und jeder Gemeinde. Zeltlager, Fabrikgebäude, Sporthallen. Hoffnung verströmen auch diese Orte, so unwirtlich sie sein mögen.

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Angesichts drangvoller Enge und fehlender Privatsphäre in den Notunterkünften mit bis zu 300 Menschen macht sich aber auch wachsende Verzweiflung breit. Nicht nur bei den Flüchtlingen, auch bei denen, die dafür sorgen müssen, dass die Unterbringung reibungslos und vor allem immer schneller funktioniert.

Wenn Heinz Eininger den Ist-Zustand neu skizziert, dann kann es schon mal sein, dass sich dieser Tage seine Stimme überschlägt. Esslingens Landrat eilt nicht der Ruf nach, er sei einer, der allzu schnell die Fassung verliert. Doch was er seinen Kreisparlamentariern, darunter viele Bürgermeister, in zunehmend schrillem Ton verkündet, kommt einem verzweifelten Hilferuf gleich. „Uns helfen keine Flächen und keine Perspektivplätze mehr“, lautet Einingers Appell an die Kommunen. „Was wir brauchen, sind sofort verfügbare Unterkünfte.“

Der Landkreis selbst ist mit seinen Kapazitäten am Ende. Kreiseigene Gebäude und Sporthallen sind bis auf den letzten Quadratmeter belegt. Das Schullandheim Lichteneck bei Hepsisau, wo Anfang Februar zwanzig unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut werden sollen, wird dieses Kapitel beschließen. Rund 2 000 Plätze sollen im kommenden Jahr in Form von Neubauten entstehen, doch das dauert alles zu lange. Allein bis Mitte Januar klafft eine Bedarfslücke von 800 Plätzen. „Wir können gar nicht so schnell bauen wie die Menschen zu uns kommen“, klagt Eininger und fügt hinzu: „Wir sind guten willens aber wir bekommen es nicht mehr hin.“

Die für den Landkreis gestellte Prognose von 270 Neuankömmlingen pro Woche, sie wird auch für die bevor stehende Weihnachtszeit gelten. Ungebrochene Zuweisungen aus den Landeserstaufnahmestellen während des gesamten Monats, das wurde den Kreisbehörden am vergangenen Freitag mitgeteilt. Für die Mitarbeiter an den zuständigen Stellen im Esslinger Landratsamt, für Betreuer und Hilfskräfte bedeutete das: strikte Urlaubssperre zwischen den Jahren.

In der Kreiszentrale am Neckar glühen die Drähte. Gemeinde um Gemeinde wird abtelefoniert, Druck ausgeübt. Auch Rathäuser müssen während der Feiertage Ansprechpartner benennen, die rund um die Uhr erreichbar sind. „Und zwar nicht der Hausmeister“, sagt Eininger, „sondern Personen mit Einscheidungsbefugnis.“ Kleine Einheiten sind inzwischen kaum mehr ein Thema. Lösungen mit hundert Plätzen und mehr ist das, was benötigt wird. Die Botschaft, die wie eine Drohung klingt: Es gibt keine Tabus mehr. Der Landkreis ist mit seinen eigenen Sporthallen in die Offensive gegangen. Jetzt wird erwartet, dass die Kommunen nachziehen. „Das ist eine Situation, die wir immer vermeiden wollten“, sagt Eininger. „Jetzt sind wir so weit.“