Zwischen Neckar und Alb

Einfach normal

Inklusion Schulbegleitung ist für Kinder mit einer Behinderung der Türöffner zur Klassengemeinschaft an einer Regelschule. Der Landkreis will das Konzept weiterentwickeln. Von Bernd Köble

So viel Selbstständigkeit wie möglich, so viel Hilfe wie nötig: Schulbegleiterinnen wie Michaela Mangia-Cotti sind für Kinder mi
So viel Selbstständigkeit wie möglich, so viel Hilfe wie nötig: Schulbegleiterinnen wie Michaela Mangia-Cotti sind für Kinder mit Handicap wichtige Stützen im Unterrichtsalltag.Foto: Carsten Riedl

Kinder sind neugierig. Nichts ist spannender als eine fremde Umgebung. Auf der Treppe herrscht Hochbetrieb, Türen fallen ins Schloss, Taschen versperren den Weg zu den Zimmern. Ankunft im Schullandheim Diepoldsburg. Für die Klasse drei der Kirchheimer Konrad-Widerholt-Grundschule ist das Freizeitheim zwischen Engelhof und Ruine Rauber drei Tage lang Basislager für Erkundungstouren in der Umgebung.

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Julius hat Zeit. Seine Erkundungstour hat längst begonnen. Er durchstreift die Räume im Erdgeschoss. Mal im Zickzack, mal geradlinig. Immer mit Bedacht. Der Achtjährige sammelt Daten, die er wie ein Scanner in sein inneres Koordinatensystem überträgt. Markante Punkte, Gefahrenstellen. „Manchmal vergesse ich Dinge“, sagt er, „dann beginne ich einfach noch mal von vorne.“

Julius lebt mit einem Handicap. Er muss im Alltag mit zehn Prozent der normalen Sehkraft zurechtkommen. Wenn er Bücher liest, benutzt er eine elektronische Lupe. Den Blick zur Schultafel im Unterricht erleichtert eine Kamera mit Monitor. Julius sieht damit, was er sehen muss. Manchmal auch mehr. Den Kreidefleck auf der Bluse der Lehrerin findet er lustig. „Julius ist ein Schlitzohr“, sagt seine Klassenlehrerin Ute Eckert, die kein Pardon kennt. „Für ihn gilt die gleiche Schlitzohrregel wie für alle.“

Keine Unterschiede - darum geht es. Julius ist ein Inklusionskind. Statt eine Sonderschule zu besuchen, nimmt er am Regelunterricht teil. Als Einziger in der Klasse. Das geht, weil die KW-Schule gleichzeitig als Förderschule gilt. 95 Prozent der inklusiv beschulten Kinder werden in Gruppen unterrichtet. Julius ist selbstbewusst, einer von vielen. Wo es nötig ist, wird Rücksicht genommen. „Wenn es Probleme gibt“, sagt seine Lehrerin, „dann setzen wir uns alle zusammen und reden darüber.“ Dass all dies möglich ist, ist auch Michaela Mangia-Cotti zu verdanken. Die 51-jährige Mutter dreier erwachsener Kinder hat selbst einen Sohn mit Einschränkungen. Seit zwei Jahren arbeitet sie als Schulbegleiterin in Diensten der Kirchheimer Lebenshilfe. Sie unterstützt Julius im Unterricht, sitzt neben ihm, hilft, „ihn immer wieder in die Spur zu bringen“, wie sie es nennt.

Julius ist nur ein Beispiel von vielen, und es werden immer mehr. Seit der Änderung des Schulgesetzes zum 1. August 2015 können Eltern frei entscheiden, ob ihr Kind eine Sonderschule besuchen oder an einer Regelschule unterrichtet werden soll. Vorausgesetzt der Antrag auf inklusive Beschulung wird durch das Schulamt bewilligt. Sandra-Maria Wiedmann ist seit März Leiterin der zentralen Fachstelle Schulbegleitung in den Räumen der Kirchheimer Lebenshilfe, einem von insgesamt sechs Trägern im Kreis Esslingen. Die eineinhalb Stellen für sie und ihre Mitarbeiterin werden vom Landkreis finanziert. Die Fachstelle ist Bindeglied zwischen Schulamt, freien Trägern und dem Landratsamt. Gleichzeitig ist sie erste Anlaufstelle für Rat suchende Eltern. Im ersten Schuljahr nach Wegfall der Sonderschulpflicht vermittelte die Stelle in Kirchheim eine einzige Schulbegleitung. Ein Jahr später waren es bereits sechs. Im laufenden Schuljahr nehmen 47 Familien das Angebot in Anspruch. Kreisweit sind es zurzeit 188, die sich der Landkreis rund zwei Millionen Euro kosten lässt. Im vergangenen Schuljahr beteiligte sich das Land mit knapp 460 000 Euro an den Kosten. „Wir haben im letzten Jahr einen ganzen Pool an Mitarbeitern aufgebaut“, sagt Sandra-Maria Wiedmann.

Zwei kümmern sich abwechselnd

Zwei Begleitpersonen kümmern sich in der Regel abwechselnd um ein Kind. Die wenigsten davon sind Fachkräfte, der überwiegende Teil ist weiblich. Rentner, Studentinnen, Hausfrauen - die Mischung ist bunt. Was zählt, ist Lebenserfahrung, Einfühlungsvermögen, aber auch Konsequenz im Handeln. Alle sechs Wochen trifft sich die Gruppe zum Austausch. Was genau gehört zum Aufgabengebiet, wie wird die Arbeit entlohnt, welche Möglichkeiten der Qualifizierung gibt es? Das meiste steckt noch in den Kinderschuhen. Mitte März hat der Sozialausschuss des Kreistages eine Konzeption für das Thema Schulbegleitung beschlossen, die all dies künftig regeln soll. Für Sandra-Maria Wiedmann führt an einer Weiterentwicklung kein Weg vorbei. „Das ist keine Momentaufnahme“, sagt sie. „Das Thema Inklusion wird uns weiter begleiten.“

Julius ist ein Beweis, dass sich der Weg lohnt. Am Nachmittag haben sie mit dem Alb-Ranger die Wälder um die Diepoldsburg durchstreift, dabei viel über Baumarten und wilde Tiere erfahren. Julius ist begeistert. Den Streifzug im unwegsamen Gelände hat er problemlos gemeistert. „Wenn ich stolpere“, meint er grinsend, „dann stehe ich einfach wieder auf.“