Zwischen Neckar und Alb

Einst vom Pfarrer hinausgejagt

Seit 50 Jahren bereichert Gitarrist Werner Dannemann die Musikszene

Er ist der vielleicht komplet­teste Gitarrist im süddeutschen Raum: Werner Dannemann. Seit 50 Jahren fühlt sich der gebürtige Eislinger auf der Bühne ­heimisch. Dabei endete sein ­erster Auftritt mit einem Eklat.

Werner Dannemann begeistert seit 50 Jahren sein Publikum.Fotos: Teckboten-Archiv
Werner Dannemann begeistert seit 50 Jahren sein Publikum.Fotos: Teckboten-Archiv

Göppingen. Der 13. Dezember 1965 war für Werner Dannemann ein besonderer Tag. Lang hatte der 13-Jährige mit seiner Band Froggs Songs der Stones, Beatles und Kinks geprobt, eine Gitarre ausgeliehen, Vaters alten Volksempfänger zum Verstärker umgebaut. Dann der Auftritt im katholischen Gemeindehaus Eislingen. Alles lief gut, doch nach den ersten Songs stürmte der Pfarrer herein, schrie: „Das gibt‘s bei mir nicht!“ Dannemann erinnert sich: „Das war wie bei der Tempelreinigung!“ Was den Pfarrer so erzürnte? Werner spielte Stromgitarre, sang auf Englisch und nahm dafür auch noch 50 Pfennig pro Besucher. So fand das Konzert ein jähes Ende.

Schon mit drei wusste Werner, dass er mal Gitarrist werden will. Der Vater war Sänger im Liederkranz, die Mutter klassisch ausgebildete Sängerin. Doch das machte es für den jungen Werner nicht einfacher. Die Mutter fühlte sich zur deutschen Romantik hingezogen, Werner zur Rockmusik. „Wir haben harte Kämpfe ausgetragen“, berichtet er. Eine eigene E‑Gitarre blieb lange ein Traum, der Vater starb früh, die Mutter musste das Geld zusammenhalten.

Werner spielte oft in Ami-Klubs, dort wurde „viel gesoffen und gekifft“, aber es gab Gage. Doch bis Dannemann von der Musik leben konnte, sollten weitere 15 Jahre vergehen. 1969 kaufte er sich seine erste E-Gitarre. Mit ihr ging er nach Norwegen, wo er mit einer Showband durchs Land tourte. „Das Programm war konservativ, aber es gab richtig Kohle“, Geld, das er der Mutter schickte, die die Raten für die Gibson zahlte.

Das mit der Showband blieb die Ausnahme, sonst machte Dannemann sein eigenes Ding und lehnte schon mal ein Angebot der Scorpions ab, wenn es ihm zu kommerziell schien. Später hat er lange Zeit die Kirchheimer Musikszene geprägt. Unvergessen sind seine dynamischen Auftritte in der Bastion. Auch die Kirchheimer Musiknacht hat er mit ins Leben gerufen.

Dannemann zählt zu den komplettesten Gitarristen hierzulande. Er hat mittelalterliche Texte vertont, macht Rock und Blues, christliche Lieder und Avantgardemusik. In den 60ern spielte er mit dem heutigen Jazzprofessor Martin Schrack in der „Soul Organisation“, später mit Liedermacher Wolle Kriwanek, in den 90ern rockte er mit Schwoißfuaß-Urgestein Alex Köberlein. Daneben hat er unzählige Bands der 60er- bis 90er-Jahre gecovert, verzückte seine Fans mit Jimi Hendrix‘ „All Along The Watchtower“ oder mit „White Room“ von Cream. Highlights waren die Auftritte mit Drummer Pete York in der Spencer Davis Group und ein Konzert mit Jack Bruce, Ex-Bassist von Cream, vor zwei Jahren im Stuttgarter Maritim.

Inzwischen wohnt er wieder in Göppingen. Die Wände seines Hauses zieren Gitarren und CDs - nicht etwa Alben von Hendrix oder Clapton, sondern Musik von Monteverdi, Arvo Pärt sowie deutsche Romantik. „Die Musik, die ich selber mache, höre ich selten“, sagt Dannemann fast entschuldigend.

Deutlicher verortet sieht sich der 63-Jährige inzwischen ohnehin durch seine Texte: „Mein ganzes Leben habe ich gegen Chauvinismus gekämpft“, betont er, ob in Politik oder Gesellschaft. Auch gegen die Kirche hat er mit Opera Nova angesungen, als Gnostiker bezieht er sich auf Lehren des frühen Christentums, aus einer Zeit, als die Kirche noch keine „Machtkirche“ war.

Doch bei alledem ist Dannemann nicht abgehoben. Seit 1967 jubelt und leidet der Fußballfan mit der Eintracht aus Braunschweig, er wandert gern auf der Alb. Eben ein bodenständiger Schwabe, der unverschämt gut Gitarre spielen kann. Das zeigt er auf den Kleinkunstbühnen der Region.

Hat jemand, der in etwa 150 Projekten mitgewirkt hat, überhaupt noch Träume? Der Gnostiker muss nicht lang überlegen: „Ich würde gerne das Johannesevangelium vertonen“, verrät er. Eines ist sicher: Falls die Komposition dann uraufgeführt wird, könnte Werner Dannemann darin die „Machtkirche“ noch so kritisch angehen – kein Pfarrer würde ihn mehr zum Haus hinausjagen wie damals, vor knapp 50 Jahren in Eislingen.

Am morgigen Samstag ab 20.30 Uhr spielen „Dannemann & Friends“ beim Lichterfest im Rahmen des Kunst- und Aktionspfades am Randecker Maar bei der Ziegelhütte Ochsenwang. Am heutigen Freitag präsentieren „Dannemann & Friends“ Cover-Hits in Göppingen-Bezgenriet im Festzelt am Sportplatz.

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