Zwischen Neckar und Alb

Engpass bei den Erntehelfern

Landwirtschaft Die Suche nach Saisonkräften aus dem Ausland, die Erdbeeren pflücken und Spargel stechen, wird immer schwieriger. Gründe sind lange Fristen für Visa und bessere Bedingungen in der Heimat. Von Peter Dietrich

Erntehelfer auf dem Berghof Deizisau - mit geübten Händen sind zwei Mitarbeiterinnen, es sind immer diesselben, an den Waagen be
Erntehelfer auf dem Berghof Deizisau - mit geübten Händen sind zwei Mitarbeiterinnen, es sind immer diesselben, an den Waagen beschäftigt

Auf 63 Erntehelfer aus Bosnien hat Guido Henzler, Geschäftsführer von Henzler Früchte mit Sitz in Nürtingen-Raidwangen, für dieses Jahr gehofft. Letztes Jahr vor Weihnachten hat er sie beantragt, doch sie können nicht kommen. „Sie müssten elf Monate auf ihr Visum warten“, sagt Guido Henzler. Deshalb hat er seine Fühler in die Ukraine ausgestreckt und erwartet in einem Monat erstmals ukrainische Studenten bei sich.

Rund 400 Saisonarbeitskräfte braucht Henzlers Rammerthof übers Jahr. Es beginnt mit zehn oder 15 Helfern im Januar. Die Spitze wird Mitte Juni mit 180 Helfern erreicht, wenn Erdbeeren und Spargel zugleich geerntet werden. Ende Juli geht der Bedarf auf 80 bis 100 Leute zurück, im November sind dann noch 20 übrig. 70 Tage dürfen die Helfer sozialversicherungsfrei bei ihm arbeiten. „Das soll im nächsten Jahr auf 50 Tage reduziert werden“, sagt Guido Henzler. „Das wäre ein katastrophaler Schnitt.“ Er befürchtet, dass dann viele Erntehelfer nicht mehr kommen, weil es sich für sie nicht mehr lohnt. Schließlich müssen sie ihre Anreise selbst bezahlen.

Der Engpass bei den Erntehelfern ist auf dem Rammerthof schon seit zwei Jahren zu spüren - 2018 mehr als im Vorjahr. „Das wird in Zukunft noch schlimmer“, ist Guido Henzler überzeugt. In Rumänien seien die Löhne drastisch gestiegen. Einige gingen daher nicht mehr ins Ausland, die Menschen suchten eine Beschäftigung für das ganze Jahr. „Manche bewerben sich auch bei drei oder vier Betrieben.“ Im Freiland sei das Ernten unangenehmer als im geschützten Anbau mit Überdachung. „Spargel und Erdbeeren ernten ist nicht die schönste Beschäftigung. Wenn es zu viel regnet, sind die Arbeiter in drei Tagen woanders“, so Henzler. Etwa 20 Prozent der erwarteten Erntehelfer kämen überhaupt nicht.

Reise nach Rumänien

Um neue Erntehelfer zu finden, fliegt Guido Henzler jedes Jahr nach Rumänien. Auch Kroaten sind bei ihm beschäftigt. „Ein Spargelstecher braucht eine Saison zum Üben. Wenn er eingelernt ist, möchte ich ihn gerne im nächsten Jahr wieder haben.“ Einige Saisonarbeiter kommen seit über 15 Jahren auf den Rammerthof. Immer wieder jedoch werden Arbeiter abgeworben. 30 Erntehelfer sind in diesem Jahr vorzeitig abgereist, Guido Henzler beziffert den Ernteausfall auf 20 Tonnen Spargel. „Ich ziehe andere Helfer dann zeitlich vor“, sagt er. Ob dann im August und September noch genügend Hilfskräfte da sind, weiß er nicht.

Der Rammerthof setzt deshalb verstärkt auf geschützten Anbau unter Überdachungen und Wandertunneln. Sie bieten Schutz vor der Witterung, etwa Hagel und Starkregen, die Ernte ist angenehmer, und es braucht weniger Personal. Allerdings: „Am Bodensee wird das bezuschusst, bei uns gibt es Bedenken, dass das Landschaftsbild beeinträchtigt wird“, bedauert Henzler.

„Wir haben so viele, wie wir brauchen“, sagt dagegen Christoph Eberhardt vom Berghof Deizisau. Bei ihm sind es für Spargel, Erdbeeren und Co. um die 50 Erntehelfer, alle aus Rumänien, die meisten aus derselben Region. „Wir haben fast nur Stammgäste.“ Nur jeder Zehnte sei das erste Mal da. „Die kommen über die anderen.“ Dadurch sorgen die Rumänen selbst für eine gute Auswahl.

In Deutschland geblieben

So war es auch bei Adrian Vincze. Vor sieben Jahren bekam er von einem Freund den Tipp, dass es auf dem Berghof Arbeit gibt. Er kam immer wieder. „Es gefällt mir“, sagt er. Inzwischen arbeitet er dauerhaft auf dem Berghof und wohnt mit der Familie in Deizisau. Am Anfang sprach Adrian Vincze kein Wort Deutsch, nun hat er die Sprache gut gelernt und ist zum Vorarbeiter geworden.

Schwierig sei das frühe Buchen der Flüge, sagt Christoph Eber­hardt. Denn man wisse im Voraus nicht genau, wann die Erdbeeren reif seien. „Diesmal kamen die Erntehelfer ein bisschen früher, und es hat genau gepasst.“

Für die Unterkunft hat die Familie Eberhardt ein altes Bauernhaus renoviert. Es gibt Zimmerpläne, doch die Erntehelfer können selbst mitentscheiden, mit wem sie ein Zimmer teilen. Für die Bürokratie ist Susanne Eberhardt zuständig. Diese sei schon aufwändig, sagt sie, doch jedes Jahr gleich.

Beim Talhof von Bernhard Bayer in Neuhausen sind die Erntehelfer manchmal knapp. „Die letzten Jahre sind es immer weniger geworden“, sagt Bernhard Bayer. Das liege daran, dass die Land- und Forstwirtschaft kein Monopol mehr habe, und auch die Industrie auf die Leute zugreife. „Ich habe noch Glück gehabt, wir haben gute Leute halten können.“ Die 30 bis 35 Erntehelfer in der Hauptsaison kommen aus Rumänien und bringen immer wieder jüngere Familienmitglieder mit.

Bernhard Bayer sieht dennoch die Politik in der Pflicht und wünscht sich für die deutschen Bauern rechtliche Grundlagen, etwa um auch Erntehelfer aus der Ukraine zu beschäftigen.

Info Dass Erntehelfer knapp werden, ist nicht nur ein subjektiver Eindruck einzelner Landwirte. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts bestätigen den Trend: Gab es im Jahr 2010 in Deutschland noch 330 500 Saisonarbeitskräfte, waren es im Jahr 2016 nur noch 286 300.

Bereit für den Nachmittagseinsatz: Die Erntehelfer auf dem Berghof in Deizisau versammeln sich in der Scheune. Rund 50 Arbeiter
Bereit für den Nachmittagseinsatz: Die Erntehelfer auf dem Berghof in Deizisau versammeln sich in der Scheune. Rund 50 Arbeiter aus Rumänien sind dort in der Saison beschäftigt.
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