Zwischen Neckar und Alb

Erfindungsreichtum und stetiges Optimieren bringt den Fortschritt

Innovationspreis würdigt kundennahe Erfindungen – Preisgeld auf 40 000 Euro erhöht

Wer den Erfindungsreichtum der Region bestaunen will, ist bei der Verleihung des Innovationspreises des Landkreises Esslingen richtig. 38 Firmen haben sich darum beworben. Zehn kamen ins Finale.

Esslingen. Nicht die Erfindung des Rads, sondern „die kleinen Dinge bringen uns weiter“, fasste Landrat Heinz Eininger das Streben nach stetiger Verbesserung zusammen, das typisch für diese Unternehmen ist. Sieger wurde in diesem Jahr die Ostfilderner Firma Hänchen mit einem Leichtbau-Hydraulikzylinder aus Carbon.

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Von der Wirtschaft für die Wirtschaft – das ist das Prinzip dieses Wettbewerbs, der seit 2003 alle zwei Jahre ausgetragen wird. Erstmals brachten die Sponsoren 40 000 Euro Preisgeld zusammen – so viel wie der bekannte Rudolf-Eberle-Preis für ganz Baden-Württemberg auslobt, bemerkte Landrat Eininger stolz bei der Verleihungszeremonie im Landratsamt. Dem Pioniergeist „noch mehr Durchsetzungskraft“ zu verschaffen, sei Zweck des Wettbewerbs. Preisträger nutzen ihn für ihre Werbung und sehen sich ermutigt, an bundesweiten Wettbewerben teilzunehmen. Die Idee allein reicht nicht; einen gewissen Umsetzungsgrad muss die Erfindung vorweisen. Wie man sich mit ständiger Erneuerung als Marktführer in Europa hält, das beschrieb Festrednerin Stephanie Mair-Huydts. Ihr Unternehmen, der Verlag Mairdumont in Ostfildern, schafft dies auch im Zeitalter von Internet, Tablet und Navi mit gedruckten Werken. Das A und O in gesättigten Märkten, so Mair-Huydts, seien „nicht die bahnbrechenden Entdeckungen, sondern das Optimieren im Kleinen, bei dem der Kunde im Mittelpunkt steht“. Ein Weg zu neuen Ideen sei: schauen, was andere Branchen machen, und übertragen.

Das hat die Firma Hänchen aus Ruit geschafft. Sie setzt Carbonfasern in einem Bereich ein, der bislang dem Metall vorbehalten war. Ihr Leichtbau-Zylinder „schreibt die Grenzen der Hydraulik neu“, würdigte Volksbank-Vorstand Heinz Fohrer als Laudator diese Innovation. Er übergab den mit 15 000 Euro dotierten ersten Preis an Geschäftsführerin Tanja Hänchen und Entwicklungsleiter Klaus Wagner. Mehr als vier Jahre lang habe man an der Neuheit gearbeitet und viel Grundlagenforschung betrieben, sagte Wagner.

Der zweite Preis, mit 10 000 Euro dotiert, ging an die Firma Reichle in Bissingen. Laser-Texturierung nennt sich ihr Verfahren, mit dem Oberflächen von Druckguss-Werkzeugen identisch gestaltet werden können.

Drei dritte Preise zu je 5 000 Euro vergab der Innovationsausschuss. Einer ging an den Messerhersteller Dick aus Deizisau für eine Weltneuheit, die den Qualitätsstandard in der Lebensmittelindustrie erheblich verbessere, so Laudator Kai Scholze, Vorstandsmitglied der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen. Ein Chip im Griff garantiert die lückenlose Überwachung des Werkzeugs. Geschäftsführer Wilhelm Leuze kündigte an, den Scheck über 5 000 Euro an die Gemeinde Deizisau für die Flüchtlingsarbeit weiterzugeben. Zuvor hatte Landrat Eininger die Gelegenheit genutzt und die Firmenvertreter gebeten, auch innovative Strategien zu entwickeln, um Flüchtlinge in Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse zu bringen.

5 000 Euro gingen auch an die Firma Recom in Ostfildern, die ein Fotostudio im Tischformat entwickelt hat – interessant für Firmen, die ihre Produkte online vertreiben und ständig neue Fotos benötigen.

Lichtgeschwindigkeit spielt bei der Wolfschlugener Firma Heidler Strichcode die entscheidende Rolle. Ihr Messverfahren zur Volumenerfassung von Paletten wurde ebenfalls mit einem dritten Preis belohnt.

Mit mexikanischem Essen wurden die schwäbischen Tüftler schließlich nach der Verleihungszeremonie belohnt. Preiswürdig wären auch die jungen Musiker der Percussiongruppe der Musikschule Filderstadt gewesen, die mit lateinamerikanischen Rhythmen den Abend auflockerten.

Die Preisträger und Finalisten

Der erste Preis ging an die Hänchen GmbH in Ostfildern für den weltweit ersten Hydraulik-Zylinder, dessen Kolbenstange und Zylinderrohr aus Carbon bestehen. Er reduziert das Gewicht um 80 und den Energieeinsatz um 50 Prozent. Dazu waren drei Neuerungen nötig. Die Carbonfaser wird durch spezielle Wicklung und Einbettung in Kunstharz zug- und druckfest. Außerdem muss die Verbindung zwischen Carbon und Metall hochfest sein. Drittens: Versiegelte Carbon-Oberfläche schützt vor Verschleiß. Der Zylinder wird in Prüfstände eingebaut. Die 1925 gegründete Firma beschäftigt 200 Mitarbeiter, inklusive Zweigwerk in Oettingen/Bayern. Den zweiten Preis erhielt die Firma Reichle in Bissingen. Die Laser-Technik ermöglicht eine Strukturierung von Oberflächen, was bislang mit Ätzverfahren sehr zeitaufwendige Handarbeit verlangte. Spitzgussformen, die in der Automobilindustrie eingesetzt werden, lassen sich viel schneller bearbeiten. Die Technik sichert auch, dass die Oberflächen identisch aussehen, wenn an verschiedenen Standorten produziert wird. Ein Produktbeispiel: die Lederprägung auf einer Autokonsole.

Das Gravier- und Laserschweißzentrum beschäftigt 50 Mitarbeiter. Als einziges deutsches Unternehmen benutzt Reichle 5-Achs-Laseranlagen mit Automatisierung. Dritte Preise gingen an die Firmen Friedrich Dick in Deizisau, Recom in Ostfildern und Heidler Strichcode in Wolfschlugen. Weitere Finalisten sind die Unternehmen Cirrus7 Computing in Esslingen, Losch Wandsysteme in Wendlingen, Mayersport in Ostfildern, Ondics in Esslingen und Scala Messwerkzeuge in Dettingen.rk