Zwischen Neckar und Alb

„Es darf keinen Ausstieg zu unseren Lasten geben“

Kohlekompromiss Die ungewisse Zukunft des Kraftwerks Altbach/Deizisau treibt die Bürgermeister Martin Funk und Thomas Matrohs um. Von Dagmar Weinberg

Wie geht es weiter? Nach dem Kohlekompromiss ist die Zukunft des Kraftwerks Altbach/Deizisau unklar.Foto: EnBW
Wie geht es weiter? Nach dem Kohlekompromiss ist die Zukunft des Kraftwerks Altbach/Deizisau unklar. Foto: EnBW

Ob in 20 Jahren im Kraftwerk Altbach/Deizisau noch Strom und Fernwärme produziert werden, kann zurzeit niemand sagen. Nachdem sich am frühen Samstagmorgen die Mitglieder der Kohlekommission auf einen Kompromiss geeinigt haben, steht die Zukunft des Kraftwerks in den Sternen.

Eines ist jedoch gewiss: Kohle wird dort dann nicht mehr verfeuert. Denn damit soll bis spätestens 2038 Schluss sein. Aus ökologischer Sicht begrüßen der Altbacher Bürgermeister Martin Funk und sein Deizisauer Kollege Thomas Matrohs den jetzt beschlossenen Kohleausstieg. Sie sind aber in Sorge, was ein mögliches Aus des Kraftwerks für ihre Kommunen bedeutet. „Es darf auf keinen Fall einen Ausstieg zu unseren Lasten geben“, stellt Thomas Matrohs schon mal klar.

Beim Betreiber „EnBW“ wird der Kohlekompromiss vor allem deshalb begrüßt, weil die Regierungskommission „in ihren Empfehlungen nicht bei der Frage der vorzeitigen Stilllegung von Kohlekraftwerken stehen geblieben ist, sondern ein Gesamtkonzept für einen umfassenden Strukturwandel entwickelt hat“, teilt der Energieversorger mit. Um aus der Kohleverstromung auszusteigen, sei eine „langfristig verlässliche und breit akzeptierte Lösung“ wichtig, „die allen Akteuren Planungssicherheit gibt“.

EnBW hält sich zurück

Für die Produktion von Strom -und Fernwärme werden im Kraftwerk Altbach an einem normalen Werktag rund 2 300 Tonnen Kohle verfeuert. Wird auch das auf Reserve stehende „HKW 1“ wieder angefahren, „steigt der Kohlebedarf auf bis zu 6 000 Tonnen am Tag“, berichtet Dagmar Jordan, Pressesprecherin Regionale Kommunikation.

Den Energieträger beschafft die EnBW auf dem Weltmarkt. „Derzeit kommt die Kohle vorwiegend aus Nordamerika, Russland, Polen und Südafrika.“ Was der Kohleausstieg auf längere Sicht für das Altbacher Kraftwerk bedeutet, kann man bei der EnBW im Augenblick noch nicht sagen. Zunächst müsse man sich die Empfehlungen der Kohlekommission im Detail anschauen. Erst dann könne man sie ausführlich bewerten. Für den Standort Altbach/Deizisau spreche, „dass die Kraftwerke der EnBW vergleichsweise emissionsarm und systemrelevant sind“.

Zudem wird in Altbach nicht nur Kohle verfeuert. „Der Block HKW 2 kann technisch schon heute mit Gas und Öl betrieben werden“, erklärt Dagmar Jordan. „Damit ist jedoch kein Volllastbetrieb möglich.“ Auch ein Umbau auf andere Energieträger, etwa Biomasse, sei „technisch denkbar“. Angesichts dieser Voraussetzungen geht man bei der EnBW davon aus, „dass die Bundesregierung bei der Festlegung der Abschaltreihenfolge Kriterien wie die Emissionsintensität, die Bedeutung der Kraftwerke für die Versorgungssicherheit sowie die Wärmeversorgung besonders berücksichtigen wird.“

Da das Altbacher Kraftwerk „eines der modernsten in Deutschland ist“, geht der Altbacher Bürgermeister Martin Funk davon aus, „dass es mit zu den letzten gehören wird, die abgeschaltet werden“. Ihn treibt jedoch die Frage um: „Was passiert dann mit dem riesigen Grundstück in äußerst attraktiver Lage, falls das Kraftwerk komplett stillgelegt wird?“ Nehmen würde er es gleich. „Denn in Altbach haben wir insgesamt das Problem, dass wir keine freien Gewerbeflächen mehr haben.“ Allerdings müsse klar sein, dass für den Rückbau der Gebäude und die Sanierung der Gewerbefläche weder die Gemeinde, noch potenzielle Käufer zahlen dürften. „Da sehe ich ganz klar den Bund in der Pflicht“, unterstreicht Martin Funk und weiß sich nicht nur in diesem Punkt mit Thomas Matrohs einig.

„Es kann nicht sein, dass wir hier in bester Lage eine Industrieruine ertragen müssten“, sagt der Deizisauer Bürgermeister. Werde die Energiezentrale irgendwann komplett abgeschaltet, „dann darf die Politik die Standortkommunen auf keinen Fall vergessen“.

Von der „Kraftzentrale“ zum Heizkraftwerk

Mit dem Spatenstich für eine „Kraftzentrale“ legte Heinrich Mayer ab 1. August 1899 auf den Deizisauer Wiesen in Altbach den Grundstein für die Stromproduktion. Mayer wollte das Neckar- und Filstal mit elektrischer Energie versorgen.

1982 beginnen die Bauarbeiten für das Heizkraftwerk 1 (HKW), das 1985 mit einer elektrischen Leistung von 420 Megawatt ans Netz geht und im Jahr darauf mit der Lieferung von Fernwärme beginnt. Heute werden unter anderem die Gemeinden Altbach, Deizisau und Plochingen mit Fernwärme sowie das Daimler-Werk in Mettingen mit Prozesswärme versorgt.

2017 wird das ausschließlich mit Kohle betriebene HKW 1 in den Ruhemodus versetzt.

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