Zwischen Neckar und Alb

Es gibt noch einen Funken Hoffnung

Corona Einen Esslinger Weihnachtsmarkt wird es dieses Jahr wohl nicht geben. Der Mittelaltermarkt hat aber noch eine Chance – doch nur, wenn mindestens 2000 Besucher kommen dürfen. Von Thomas Schorradt

Abstand halten! Das ist eine Forderung, die vor allem Feuerspucker überzeugend einfordern können. Foto: Ines Rudel
Abstand halten! Das ist eine Forderung, die vor allem Feuerspucker überzeugend einfordern können. Foto: Ines Rudel

Der Wahlspruch der im Februar gegründeten und für den Mittelalter- und Weihnachtsmarkt zuständigen Esslinger Markt- und Event (EME) lautet dieser Tage anspielungsreich: „Wir sind mit Abstand die Besten.“ Wenn es dumm läuft, dann müssen die „mit Abstand Besten“ im ersten Jahr ihres Bestehens gleich mal ganz Abstand nehmen von der Durchführung des Marktes. Wenn es dagegen gut läuft, schlägt in den Wochen vor Weihnachten die Stunde einer neue Kunstgattung - die des Abstandsunterhaltungskünstlers.

„Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, zumindest einen Mittelaltermarkt in abgespeckter Form auf die Beine zu stellen“, sagt EME-Marktchefin Petra Pfeiffer. Einen Weihnachtsmarkt, der rund eine Million Besucher anzieht, wird es dann mit einiger Sicherheit nicht geben, schon allein deshalb, weil das eingezäunte Mittelalter aus Platzgründen den Markt- und den Rathausplatz für sich beansprucht. „Wir versuchen stattdessen, mit in der gesamte Innenstadt verstreuten kleinen Weihnachtsinseln der Weihnachtsmarktidee einigermaßen gerecht zu werden“, sagt Petra Pfeiffer.

Einen kompletten Weihnachtsmarkt einzuzäunen, wie es in Corona-Zeiten wegen der Forderung nach nachvollziehbaren Besucherbewegungen unumgänglich wäre, kommt für die Veranstalter nicht in Frage. Bei einem kleineren Mittelaltermarkt wäre das machbar. „Dann würden wie die Karten online verkaufen, um den Besucherandrang zu steuern und Gedränge vor den Einlässen zu vermeiden“, sagt Petra Pfeiffer. Angedacht sei ein Eintrittsgeld von zwei Euro.

Voraussetzung für die Umsetzung ist allerdings, dass die erst diese Woche neu gefasste Verordnung der Landesregierung bis dahin weiter gelockert wird. Noch untersagt die Verordnung Veranstaltungen mit mehr als 500 Teilnehmern. „Wir haben unterschiedliche Modelle durchgerechnet. Um den Marktbeschickern gerecht zu werden und unsere Kosten nicht ausufern zu lassen, brauchen wir mindestens 2000 Besucher“, sagt Petra Pfeiffer.

Selbst einem solchermaßen abgespeckten Mittelaltermarkt würde das Corona-Virus seinen Stempel aufdrücken. „Ziemlich klar ist, dass wir keine Bühnen aufbauen können“, sagt Petra Pfeiffer. Die dort bei Gauklerauftritten üblichen Menschenansammlungen würden der Idee eines Mindestabstands Hohn sprechen.

Um die Kreativität der Mittelalter-Kleinkunstszene ist es Petra Pfeiffer allerdings nicht bange - so die Gaukler, Stelzenläufer und Troubadoure denn überhaupt eine Bühne zur Verfügung gestellt bekommen. „Was im Veranstaltungsbereich gerade läuft, kommt einem Berufsverbot gleich“, sagt sie. Die 100 000 Euro, die beim Esslinger Mittelaltermarkt in der Regel für die rund 30 Bühnenkünstler- und -gruppen im Etat-Topf liegen, wären ein warmer Regen für die gebeutelte Branche. „Viele haben, seit es keine Märkte, Veranstaltungen, Familienfeiern oder Firmenfeste mehr gibt, keinen einzigen Euro verdient“, weiß Petra Pfeiffer. Viele der Mittelalterkünstler würden sich derzeit noch irgendwie durchschlagen, zur Not mit staatlicher Hartz IV-Hilfe. „Wenn sich für die Leute nicht bald wieder ein Fenster öffnet, habe ich die Sorge, dass viele sich von der Kleinkunst abwenden. Da geht Vielfalt verloren“, sagt Petra Pfeiffer.

Aber auch für den gebeutelten Einzelhandel und für die mit dem Rücken zur Wand stehende Gastronomie in der Stadt käme ein über die Stadtgrenzen hinaus wirkender Markt einer Vitaminspritze gleich. Deshalb weiß Petra Pfeiffer in ihrem Bemühen, den Hoffnungsfunken mit aller Kraft am Glimmen zu halten, auch die Verwaltungsspitze im Esslinger Rathaus hinter sich.

Lang darf die Hängepartie allerdings nicht mehr anhalten. Sonst hätte das Mittelalter im Jahr 2020 keine Zukunft mehr.

Beim Kirchheimer Weihnachtsmarkt ist noch keine endgültige Entscheidung getroffen worden. „Die Verordnungen ändern sich regelmäßig, damit können wir noch nicht planen“, sagt Jürgen Schröter von der Stadt.

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