Zwischen Neckar und Alb

Es herrschen Lücken im System

Austausch Besonders vermisst wird eine Assistenz im Krankenhaus für Menschen mit Behinderung.

Wernau. Alle Parteien zusammenbringen, das war das Ziel von Wilfried Veeser, Mitglied im Sozialausschuss des Kreistags. In offener und konstruktiver Atmosphäre berichteten Eltern von ihren Erfahrungen mit Ärzten und Kliniken - Politiker und Ärzte, Vertreter des Landratsamtes, der AOK und des Bildungscampus für Pflegeberufe hörten zu. Organisiert wurde das Gespräch bei der Arbeg in Wernau von Thaddäus Kunzmann, Sprecher des AK Soziales der CDU-Kreistagsfraktion und Bärbel Kehl-Maurer von der Lebenshilfe Kirchheim.

Das dringlichste Thema der Betroffenen zog sich durch den ganzen Abend: Die fehlende Assistenz im Krankenhaus für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Für Pflege und Versorgung müsse sich immer ein Angehöriger mit aufnehmen lassen. Aber was passiert, wenn die Eltern alt werden, die Geschwister berufstätig sind oder weit weg wohnen? Heikel werde es dann, wenn es keine Angehörigen mehr gäbe, sagte Benjamin Langhammer, Wohnbereichsleiter der Lebenshilfe Kirchheim. „Denn dann muss ich einen Menschen, der vielleicht das kognitive Niveau eines Vierjährigen hat, allein in den durchgetakteten Klinikalltag schicken. Wie soll das gehen? Da ist eine Lücke im System.“ Neben der Finanzierung der Assistenz bräuchte es außerdem dringend ein gutes Aufnahme- und Entlassmanagement im Krankenhaus, wo Vorerkrankungen oder Angaben, wie der Patient Schmerz äußere, abgefragt würden, sagte Bärbel Kehl-Maurer, Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe Kirchheim.

Was passieren kann, wenn Menschen mit einer geistigen Behinderung allein und unvorbereitet im Krankenhaus sind, schilderte Gerhard Pfeiffer, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen der Menschen mit einer geistigen Behinderung des Landes Baden-Württemberg. „Eltern berichten mir, dass sie gebeten wurden, ihr Kind sofort aus dem Krankenhaus abzuholen. Und dort fanden sie ihr Kind fixiert und völlig verängstigt vor.“

Es gibt kein MZEB im Kreis

Ursula Hofmann, Vorsitzende von Rückenwind Esslingen, sprach ein weiteres Problem an: Ihre Tochter habe eine schwere geistige Behinderung und sei gerade 18 Jahre geworden. Das Sozialpädiatrische Zentrum sei jetzt nicht mehr zuständig, aber es gäbe kein Medizinisches Zentrum für Erwachsene mit einer geistigen Behinderung, kurz MZEB, das aus einer Hand berate, was für Menschen mit Mehrfachbehinderungen besonders wichtig sei. Janice Weber, stellvertretende Geschäftsführerin der AOK-Bezirksdirektion Neckar-Fils antwortete: „Wir haben großes Interesse als Krankenkasse weitere Träger von MZEBs zu unterstützen.“ Sie zeigte sich tief berührt von den Erfahrungsberichten, nehme sie in die Kommunale Gesundheitskonferenz des Kreises mit und rege an, dass auch dort endlich Betroffene vertreten seien. Michael Köber vom Amt für besondere Hilfen im Landratsamt brachte die Idee ein, Ehrenamtliche in den Kliniken zu schulen und Michael Hennrich, CDU-Bundestagsabgeordneter, meinte, „die Antennen mehr auf Empfang, weniger auf Sendung stellen“, das nehme er mit aus diesem Gespräch.

Ebenfalls wurde klar, dass man mit der hausärztlichen Versorgung zufrieden sei. Oft seien sie die Lotsen für die Familien. Wolf-Peter Miehe, Vorsitzender der Ärzteschaft Nürtingen ergänzte, dass man für Patienten mit geistiger Behinderung immer einen doppelten Termin einplane, um mehr Zeit zu haben. Wichtiger als Zeit ist den Angehörigen jedoch etwas anderes, wie Christian Birzele-Unger von einem Besuch mit seiner erwachsenen Tochter mit einer geistigen Behinderung bei Dr. Miehe berichtet. „Er hat einfach mit meiner Tochter gesprochen und mir signalisiert, dass ich mal nichts erklären muss.“Nemetschek-Renz

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