Zwischen Neckar und Alb

Es muss menschlich passen

Musik Der Polizeichor Esslingen bringt noch immer knapp 30 stimmgewaltige Sänger auf die Bühne. Doch droht auch ihm die Gefahr der Überalterung. Von Peter Stotz

Chorleiter Hartmut Volz (links) probt mit den Sängern des Esslinger Polizeichors.Foto: Peter Stotz
Chorleiter Hartmut Volz (links) probt mit den Sängern des Esslinger Polizeichors.Foto: Peter Stotz

Bereits die wöchentliche Probe des Polizeichors Esslingen ist ein Erlebnis. Rund 30 meist ältere Herren sitzen in geselliger Runde beisammen und plaudern. Dann bittet Chorleiter Hartmut Volz um Aufmerksamkeit, 15 Minuten Lockerung für Körper und Mimik, Atem- und Stimmübungen stehen an. Schließlich wird ein erstes Lied intoniert, stimmgewaltig, aus voller Brust und ohne Notenblatt.

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Das Muttertagskonzert des Polizeichors steht vor der Tür, und die Sänger präsentieren sich textsicher und stimmlich auf der Höhe. Der Blick in die Runde offenbart allerdings ein Problem, das dem Chor mehr und mehr zu schaffen macht. „Vor etwa zehn Jahren haben wir noch mehr als 40 Sänger auf die Bühne gebracht, davon allein 13 erste Tenöre. Jetzt sind es noch knapp 30 Sänger und nur noch vier aktive Tenöre. Der Altersdurchschnitt liegt bei über 70. Wir brauchen dringend Nachwuchs“, berichtet Eugen Franz, der Vorsitzende des Vereins.

Franz, sein Stellvertreter Roland Oesterle und Vereinssprecher Siegfried Buck benennen ein Problem, mit dem sich insbesondere Männerchöre allerorten auseinandersetzen müssen. „Der Männerchorgesang ist gefährdet, überall fehlt der Nachwuchs. Auch wir haben womöglich irgendwann das Problem, dass eine Überalterung droht“, sagt Oesterle.

Im Jahr 1990 als Chor der Polizeidirektion Esslingen gegründet und im vergangenen Jahr in Polizeichor umbenannt, hat sich das Ensemble „nie als reiner Polizistenchor“ verstanden, erzählt Eugen Franz. Zwar haben einige sangesbegeisterte Polizeibeamte die Vereinsgründung angeschoben, aber immer waren auch Freunde und Bekannte aus anderen Berufen dabei. „Wir waren immer ein unabhängiger Verein und haben immer Wert auf Offenheit gelegt“, sagt Eugen Franz. Nur zwei Bedingungen habe es für neue Sänger stets gegeben: „Wir wollen ein reiner Männerchor sein und bleiben, und wer mitsingen möchte, sollte eben menschlich zu uns passen“, beschreibt Siegfried Buck.

Jenen neuen Mitstreitern würde „ein sehr attraktiver Rahmen“ für ihre Sangeslust in Aussicht gestellt, versichert Oesterle. Dank des Dirigenten Hartmut Volz, ausgebildeter Chorleiter und Organist, seien eine professionelle Stimmbildung und ein überwiegend deutschsprachiges Repertoire von der Klassik über Silcher und Operettenmelodien bis hin zur aktuellen Popmusik gewährleistet. Durch Volz‘ langjährige Chorleitertätigkeit in Bissingen sei der Austausch mit der Region rings um die Teck sehr eng, überdies gebe es etliche Kontakte und Projekte auf Landes- und Bundesebene. „Und wir bieten eine gute Atmosphäre, eine nette Gemeinschaft und viel Spaß“, werben die Sänger.

Allerdings wolle man sich nicht allzu großen Illusionen hingeben. „Junge Leute werden wir kaum erreichen“, sagt Eugen Franz. Pessimismus sei jedoch nicht angesagt. „Unsere Hoffnung liegt auf den Männern, die frisch in den Ruhestand gehen und in guter Gemeinschaft singen und damit sogar noch etwas für ihr Wohlbefinden tun wollen“, sagt Siegfried Buck. „Unser Ziel ist, den Chor noch über viele Jahre aktiv zu halten. Vielleicht werden wir etwas kleiner, aber solange wir stimmlich fit sind, wird es uns geben“, versichert Buck.

Das Muttertagskonzert findet statt am Samstag, 13. Mai, um 19 Uhr, im evangelischen Gemeindehaus am Blarerplatz in Esslingen.