Zwischen Neckar und Alb

„Es steht viel auf dem Spiel“

Politik Beim Neujahrsempfang des Kreisverbands der Grünen in Wendlingen dominieren die Themen Umwelt und Mobilität und ein flammender Appell von Ministerpräsident Winfried Kretschmann für Europa. Von Thomas Zapp

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Wenn sich grüne Spitzenpolitiker und rund 250 Mitglieder und Sympathisanten vom Kreisverband der Grünen zum „Neujahrsempfang“ in Wendlingen treffen, darf die „Wendlinger Kurve“ nicht fehlen. Für den Kirchheimer Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Landtag, Andreas Schwarz, steht die „Wendlinger Kurve“ ganz oben auf seiner politischen Agenda für 2019. „Eine S8 von Böblingen über die Filder nach Wendlingen und Kirchheim“ schwebt ihm vor. „Unser Ziel ist es, schnell für saubere Luft zu sorgen“, fügt er im Gespräch hinzu. Auch der Bundestagsabgeordnete und bahnpolitische Sprecher Matthias Gastel versichert den Zuhörern: „In Berlin ist die Wendlinger Kurve mittlerweile ein fester Begriff.“ Berlin steht für ihn aber auch für das Versagen der Bahn. „Italien investiert pro Kopf und Jahr mehr in die Bahn als Deutschland. Das ist ein Armutszeugnis“, sagt er.

Der Ausbau des Nahverkehrs, bezahlbarer Wohnraum und natürlich Fahrverbote sind die dominierenden Themen der Regionalpolitik. „Die Regierung muss liefern und die Autoindustrie dazu drängen, die Hardware-Nachrüstung zu übernehmen. Wir sind absolut dagegen, Autos zu verschrotten“, betont Andreas Schwarz.

So weit, so grün. Es läuft für die Partei derzeit, und dieses Selbstbewusstsein strahlt sie auch an diesem Abend aus. Ein Buch aus Umweltpapier und mit schmucklosem Cover liegt dort aus. Titel: „Das neue Baden-Württemberg. Ein Land im Wandel“. Darin geht es vor allem um die Verdienste der Grünen in der jüngsten Geschichte des Landes .

Und derjenige, der für den Erfolg der Grünen im „Ländle“ und die erste grüne Landesregierung der Bundesrepublik Deutschland steht wie kein Zweiter, betritt um 19.16 Uhr den Saal im „Treffpunkt Stadtmitte“: Winfried Kretsch­mann - grauer Anzug, weißes Hemd und schwarz-grün gemusterte Krawatte. Der unbestrittene Star des Abends wartet aber zunächst, bis die lokalen und regionalen Politiker die Gäste begrüßt haben. Auch ein Parteifremder darf das Mikrofon ergreifen: Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel von der SPD. Der lobt das „sehr gute Miteinander“ mit den Grünen im Gemeinderat, gefolgt von Gelächter im Publikum. Aber die Nachricht kommt an: Man mag sich. Weigel nutzt die Gelegenheit, die erfolgreiche Integrationspolitik Wendlingens hervorzuheben, aber auch Unterstützung für die Kosten bei der Rückführung straffälliger Flüchtender zu fordern und gibt mit einem Seitenhieb auf „diejenigen, die das christliche Abendland“ verteidigen wollen, aber die „christlichen Werte mit Füßen“ treten, einen Vorgeschmack auf die Rede des Ministerpräsidenten.

„Die größte Stärke der Grünen ist ihre Glaubwürdigkeit“, sagt die Kreisvorsitzende Stephanie Reinhold und fügt hinzu: „Der Beweis bist du, lieber Winfried.“ Der so Gelobte lässt sich nicht lange bitten. Es wird schnell klar, worum es ihm an diesem Abend geht: die Europawahl am 26. Mai. Das „Tempo des Wandels“ macht ihm Sorge und dass es mit dem Wirtschaftsboom irgendwann auch einmal vorbei ist. All das wird flankiert von populistischen Strömungen. Befragungen von Bürgern hätten ergeben, dass sie keineswegs europamüde seien. „Sie wollen aber ein Europa der Werte und wünschen sich mehr Handlungsfähigkeit der EU“, sagt der Ministerpräsident. Für ihn sind die großen Fragen wie Klima, Migration, Außen- und Sicherheitspolitik europäische Themen. „Das sind Aufgaben, die kann ein Nationalstaat allein nicht mehr lösen.“ Aber auch in einem starken Europa müsse es Platz für Verschiedenheit und regionale Besonderheiten geben. Was die Vermittlung grüner Politik betrifft, will Kretschmann vor allem eins zeigen: „dass ökologischer Fortschritt auch ein ökonomisch erfolgreicher Weg ist und nicht der Wirtschaft schadet“. Nicht weniger als das Automobil müsse neu erfunden und eine europäische Uni geschaffen werden, die Spitzenwissenschaftler anzieht. Kretsch­manns Appell: „Wenn wir abgehängt werden, sind wir nur noch die verlängerte Werkbank der Welt“, glaubt er.

In Richtung der Anhänger von Populisten in Europa und Amerika, die eine Rückwärtsbewegung wollen, sagt Kretschmann: „Das sind Opfer der Angst.“ Demokratie suche Lösungen im Handeln. Und dann nennt er das Kind beim Namen: „Die AfD wird von Pessimisten gewählt, den Nörglern und Kritikern, die verbal alles niedermachen.“ Der Austritt aus Europa sei keine Lösung. „Wir zuerst“ löse keine Probleme. Wer Kontrolle erlangen will, der muss ein überzeugter Europäer sein, sagt er. Nur so könne man seine Interessen gegenüber den Großmächten vertreten. Die Europawahl sei genauso wichtig wie die Bundestagswahl. „Es steht viel auf dem Spiel“, schließt Kretschmann unter tosendem Applaus.

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