Zwischen Neckar und Alb

„Es war reiner Terror“

Der frühere Nürtinger Pfarrer Wolfgang Sedlmeier lebt heute in Paris

Pfarrer Wolfgang Sedlmeier lebt seit neun Jahren in der Stadt, in der am Freitag 132 Menschen bei Anschlägen starben. Foto: pr
Pfarrer Wolfgang Sedlmeier lebt seit neun Jahren in der Stadt, in der am Freitag 132 Menschen bei Anschlägen starben. Foto: pr

Neun Jahre war Wolfgang Sedlmeier katholischer Pfarrer der St.-Johannes-Gemeinde in Nürtingen. Seit 2006 ist er Seelsorger in St. Albertus Magnus, der katholischen Gemeinde deutscher Sprache in Paris. Im Gespräch berichtet er über die Terroranschläge in der französischen Hauptstadt und wie die Leute in seiner Gemeinde damit umgehen.

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Nürtingen/Paris. Pfarrer Sedlmeier war am vergangenen Freitagabend bei Freunden zum Essen eingeladen. Während wenige Kilometer entfernt die deutsche Fußballnationalmannschaft im Stade de France ein Freundschaftsspiel gegen Frankreich austrägt, unterhalten sich die Freunde beim Abendessen angeregt: „Eine Frau erzählte mir, dass sie Angst davor habe, nach Marokko zu reisen, weil es dort zu gefährlich sei“, sagt Sedlmeier. Auf die Frage, ob sie Frankreich für sicherer halte, antwortete sie, dass Frankreich für sie eines der sichersten Länder auf der Welt sei. „Eine halbe Stunde später explodierten die Bomben“, erinnert sich Sedlmeier.

Das bekam er aber erst am nächsten Morgen mit. Der Ortsteil, in dem die Gemeinde St. Albertus Magnus beheimatet ist, befindet sich rund fünf Kilometer von einem der Anschlagsorte entfernt. „Was ­geschehen war, habe ich erst mitbekommen, als mir jemand eine Nachricht per Handy geschickt hat“, so der gebürtige Oberschwabe: „Ab da haben sich die Ereignisse überschlagen.“

Die Cafés, in denen so viele Menschen ermordet wurden, kennt Sedlmeier: „Ich selbst war schon mal da. Allerdings ist das Publikum dort um einiges jünger als ich.“

Es sei ein „nettes Viertel“, beschreibt Sedlmeier, in dem junge Pariser gerne an den Wochenenden entspannen und feiern. Umso schockierender seien die Taten, die dort verübt wurden: „Junge Menschen haben andere junge Menschen umgebracht, die mit diesen Religionskonflikten überhaupt nichts zu tun haben. Es war reiner Terror.“ Auch ein junger Mann, der derzeit in der Gemeinde seinen freiwilligen sozialen Dienst absolviert, geht an den Wochenenden gerne in dem Viertel aus. „Ich habe sofort versucht, ihn zu erreichen, aber er ging nicht ans Telefon“, erinnert sich Sedlmeier. Erst gegen elf Uhr habe man endlich Gewissheit gehabt: „Er ist zum Glück an diesem Freitagabend bei einem Freund daheim geblieben“, so der Pfarrer. Andere Mitglieder der Gemeinde haben den Terror, die Angst und die Panik in der Stadt aus nächster Nähe erfahren: „Einige waren im Fußballstadion“, sagt Sedl­meier. Sie erzählten ihm von dem Knall, der durch das Stade de France ging und von der Ungewissheit bei den Zuschauern: „Keiner wusste, was los war. Erst in der zweiten Halbzeit wurde es unruhiger“, gibt der Seelsorger die Erzählungen der Leute wieder. Nach dem Abpfiff seien sie auf das Spielfeld gelaufen: „Hier muss dann der Angstschweiß zu spüren gewesen sein.“

Andere waren in der Nähe eines weiteren Explosionsortes: „Sie sind geflohen und kamen an einem anderen Café vorbei, vor dem zwei Tote lagen“, so Sedlmeier. In den Tagen nach den Terroranschlägen liegt eine gespenstische Ruhe über der Stadt: „Es ist ein wenig wie im Sommer“, vergleicht Sedlmeier: „Auf den Straßen ist nur sehr wenig Verkehr. Menschen sind auch kaum zu sehen.“

Die Bevölkerung sei besorgt: „Nach den Anschlägen auf ,Charlie Hebdo‘ waren die Täter relativ schnell gefasst. Dieses Mal ist es anders. Es ist ein Stochern im Nebel“, sagt der Pfarrer. „Die Leute fragen sich, ob da noch etwas kommt. Was passiert zum Beispiel, wenn ein Anschlag auf die Metro verübt wird?“, so die Sorgen, die in der Nachbarschaft von Sedlmeier umhergehen.

Mit vielen Besuchern rechnete er beim französischen Gottesdienst am Samstag nicht – und wurde überrascht: „Es waren viel mehr Leute da als sonst. Es scheint, als wollten die Franzosen in dieser Zeit zusammenstehen.“ Beim deutschen Gottesdienst am Sonntag vermisste er hingegen zahlreiche Besucher: „Aus Angst hatten viele Familien ihr Kommen abgesagt.“