Zwischen Neckar und Alb

Experten und Betroffene helfen

Über 20 Selbsthilfegruppen stellen sich beim Selbsthilfetag vor

„Man kann hier unverbindlich schauen, wer in den einzelnen Selbsthilfegruppen ist, und dadurch ist die Hemmschwelle der Betroffenen deutlich geringer“, das ist laut Mitorganisatorin Silvia Sollner vom Bürgertreff der wichtigste Aspekt des zum fünften Mal veranstalteten Selbsthilfegruppentages der Klinik Nürtingen.

Nürtingen. Über 20 Selbsthilfegruppen mit 30 verschiedenen Themen erfreuten sich zahlreicher interessierter Besucher. Die Veranstaltung bot unter dem Motto „Von Mensch zu Mensch“ an den Infoständen und in den sieben verschiedenen Vorträgen überwiegend Aufklärung über chronische Erkrankungen an.

Ein wichtiges Thema, denn laut einer Statistik der Deutschen Stiftung für chronisch Kranke leidet mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung an einer oder mehreren chronischen Erkrankungen. Für die Mediziner ist es eine enorme Herausforderung, die chronischen, oft multimorbiden Krankheitsbilder richtig zu therapieren.

„Wir wollen hier über die verschiedenen Krankheiten aufklären und den Erfahrungsaustausch zwischen den Betroffenen anregen“, ist für Salome Johnson, bei den Kreiskliniken zuständig für Kommunikation und Strategie, der Hauptgrund der Veranstaltung. Die Selbsthilfegruppen hatten wieder ein umfangreiches Rahmenprogramm organisiert. Messungen des Lungenvolumens und des Blutdrucks, die Möglichkeit, Rehasportübungen auszuprobieren und ein Parcours, auf dem man sich in einem Rollstuhl bewegen konnte, wurden von den Gästen rege in Anspruch genommen.

Einer der sieben Fachvorträge behandelte das Thema „Wann wird aus Traurigkeit Depression?“. „Depression ist genauso eine Erkrankung wie Krebs oder Herzinfarkt“, berichtete der Referent, Professor Dr. Christian Jacob, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Kirchheim. Traurigkeit sei meist darauf zurückzuführen, dass man etwas, zum Beispiel einen Menschen, verliert. Depressionen entstünden dagegen meist durch Ängste und Konflikte. Schlaflosigkeit, Panik und Angst sorgten dafür, dass sich die Betroffenen über nichts mehr freuen können. 46 Prozent der Gesamtbevölkerung, die durch unsere Stressgesellschaft immer mehr beansprucht wird, sei statistisch von Burnout oder psychischen Erkrankungen betroffen. Hier helfe nur der Weg zu einem Spezialisten, von denen es aber laut Jacob viel zu wenige gibt.

Die Selbsthilfegruppe engagierter Aphasiker präsentierte das 35-minütige Theaterstück „In der Bar zum flotten Schuh“. Zwölf überwiegend durch einen Schlaganfall sprachbehinderte Darsteller begeisterten die Zuschauer nicht nur mit einem nach der Melodie „Freude schöner Götterfunken“ vorgetragenen Lied mit einem Text passend zum Thema Aphasik. Unter der Regie von Lisa Kraus soll das Stück nächstes Jahr auch auf der Landesgartenschau aufgeführt werden. „Wir haben das Theaterstück selber erarbeitet“, berichtete Heidi Sixt von der Selbsthilfegruppe stolz.

In den sechs Stunden mit Vorträgen und Informationsaustausch erhielten die Besucher viele gute Ratschläge, und es wurde ein positiver Erfahrungsaustausch betrieben. „Hierher kommen wirklich nur die Leute, die tatsächlich auch Interesse haben“, zog Heidi Sixt ihr Tagesfazit.

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