Zwischen Neckar und Alb

Falsche Vorstellungen und wenig Lohn machen unglücklich

Ausbildung Deutschlandweit bricht jeder vierte Azubi die Lehre ab. Im Kreis Esslingen ist die Lage entspannter. Gewerkschaften fordern mehr Gehalt. Von Miriam Steinrücken

Nicht immer entspricht der Beruf den Erwartungen: 396 Lehrlinge haben im Kreis Esslingen im vergangenen Jahr ihren Ausbildungsve
Nicht immer entspricht der Beruf den Erwartungen: 396 Lehrlinge haben im Kreis Esslingen im vergangenen Jahr ihren Ausbildungsvertrag aufgelöst.Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques

Jeder vierte Lehrling in Deutschland bricht seine Ausbildung ab. Die berufsübergreifende Abbrecherquote von 25,8 Prozent entstammt dem Entwurf für den Berufsbildungsbericht 2018. Diesen Bericht legt das Bildungsministerium jedes Jahr vor. Demnach ist der aktuelle Wert der schlechteste seit Beginn der 90er-Jahre. Wo der Lohn besonders gering ausfällt, hält nur jeder Zweite bis zur Abschlussprüfung durch. Soweit die gesamtdeutschen Zahlen aus dem Berufsbildungsbericht. Doch wie ist die Lage in der Region?

Die Anzahl der Ausbildungsverträge - sowohl im Hinblick auf Abschlüsse als auch vorzeitige Auflösungen - wird von den Kammern erhoben. Im Geschäftsgebiet der Arbeitsagentur Göppingen, die auch den Landkreis Esslingen betreut, wurden im Jahr 2017 4 764 neue Ausbildungsverträge unterzeichnet. Der Großteil entfiel mit 64,1 Prozent auf Industrie und Handel sowie mit 24,2 Prozent auf das Handwerk. Für 2017 verbucht Christoph Nold, Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen, im Landkreis Esslingen insgesamt 5 743 Auszubildende, darunter 2 127 Neuzugänge. Ihren Vertrag aufgelöst haben 396 Lehrlinge.

Bei dieser Zahl beginnt laut Nold bereits die statistische Unschärfe. Denn viele der Ex-Lehrlinge hätten ihre Verträge noch vor Dienstantritt oder bereits in der Probezeit gekündigt. Außerdem muss nicht jede Vertragsauflösung unbedingt den endgültigen Abbruch der Berufsbildung bedeuten. Für weitere Konfusion sorgt die Berechnung der Abbrecherquote: Misst man die Kündigungen an der Gesamtzahl der Auszubildenden, liegt der Wert deutlich unter den Kündigungen in Relation zu den Neuverträgen. Aber egal, wie man es dreht: Entgegen dem Berufsbildungsbericht betont Nold, dass sich die Situation 2017 gegenüber den Vorjahren nicht verändert habe.

Deutliche Branchenunterschiede

Allerdings unterscheiden sich die Branchen deutlich voneinander: Die technischen und gewerblichen Berufe punkten mit geringen Abbruchzahlen unter 3,5 Prozent. Die kaufmännischen Berufe schneiden mit 10 Prozent schlechter ab. Spitzenwerte erzielen die Mechatroniker und die Technischen Produktdesigner. Hier gibt es fast keine Abbrecher. Christoph Nolds Erklärung: „Hier stimmen die gegenseitigen Erwartungen von Betrieb und Azubi mit der tatsächlichen Berufsrealität überein.“ Im Handel springen deutlich mehr ab, nämlich über 10 Prozent. Noch schlechter ist es um das Hotel- und Gaststättengewerbe bestellt, hier geben 37,5 Prozent der Restaurantfachleute auf. Überholt werden sie nur von den Berufskraftfahrern mit einer Abbrecherquote von 47 Prozent. Nach den Gründen gefragt, bezieht Christoph Nold klar Stellung gegen den Berufsbildungsbericht: „Dass die Höhe der Ausbildungsvergütung eine maßgebliche Rolle spielt, kann ich nicht erkennen.“ Stattdessen hält er „falsche Vorstellungen vom Beruf und die Unzufriedenheit mancher Lehrlinge mit dem Ausbildungsbetrieb“ für entscheidend. Darum rät er beiden Seiten, ihre Erwartungen aneinander klar und ehrlich zu formulieren.

Mit konstant rund 14 Prozent Abbrechern in den vergangenen Jahren liegen auch die Handwerker in der Region Stuttgart unter dem bundesweiten Trend. Dennoch gibt es auch hier Ausschläge nach oben. Überdurchschnittlich hohe Abbruchquoten weisen die Friseure auf mit 27 Prozent, die Dachdecker mit 25 Prozent, die Bäcker mit 22,5 Prozent, die Lebensmittelfachverkäufer mit 19,4 Prozent und die Stuckateure mit 17,2 Prozent.

Die Gründe sind laut Bernd Stockenburger, Geschäftsführer Berufliche Bildung bei der Handwerkskammer Region Stuttgart, vielfältig: Friseure etwa könnten leicht zu einem anderen Betrieb wechseln, Bäcker müssten früh aufstehen und Stuckateure harte körperliche Arbeit verrichten. „Andererseits gibt es Berufe, wo jeder froh ist, wenn er eine Stelle bekommt“, gibt Bernd Stockenburger zu bedenken. Dazu gehören Kfz-Mechatroniker, Feinwerkmechaniker, Schreiner, Anlagenmechaniker und Elektroniker.

Friseure bekommen wenig

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Baden-Württemberg zieht die Betriebe zur Verantwortung: Im Ausbildungsreport 2017 gab knapp ein Drittel der befragten Azubis an, ausbildungsfremde Aufgaben erledigen zu müssen. 43 Prozent schieben regelmäßig Überstunden.

Besonders problematisch sind nach Angaben des DGB die niedrigen Ausbildungsvergütungen. Eine Friseurin in Westdeutschland verdient laut Tarifvertrag im ersten Ausbildungsjahr monatlich 406 Euro brutto. Und diesen geringen Tariflohn würden viele Betriebe unterschreiten, kritisiert Bezirksjugendsekretär Andre Fricke. Deshalb fordert der DGB eine gesetzliche Mindestausbildungsvergütung von 635 Euro brutto im ersten Jahr.

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