Zwischen Neckar und Alb

Freie Fahrt zum sorglosen Filmgenuss

Kultureinrichtung Im Autokino raus aus der Corona-Tristesse: Esslingens Kommunales Kino (Koki) plant Aufführungen auf dem Dach des Neckar-Centers. Von Alexander Maier

Auf dem obersten Deck des Neckar-Centers bereitet das Koki einen Testlauf für das Autokino vor. Foto: Roberto Bulgrin
Auf dem obersten Deck des Neckar-Centers bereitet das Koki einen Testlauf für das Autokino vor. Foto: Roberto Bulgrin

Quer durch die Republik müssen die Kinos in Corona-Zeiten geschlossen bleiben. Film-Fans bedauern das und den Betreibern beschert die Schließung ihrer Häuser handfeste wirtschaftliche Probleme. Die Not macht jedoch erfinderisch: Weil die wenigen Autokinos, die bis heute existieren, weiter betrieben werden dürfen und deshalb boomen, möchte Esslingens Kommunales Kino (Koki) diesen Trend aufgreifen. „Wir wollen die Zeit, bis wir wieder gefahrlos öffnen dürfen, so gut wie möglich nutzen und haben uns nach Möglichkeiten umgeschaut, ein Autokino zu organisieren“, erzählen die Koki-Geschäftsführer Sibylle Tejkl und Stefan Hart.

Tagelang hielten die beiden nach einem geeigneten Gelände Ausschau - im Esslinger Stadtteil Weil wurden sie fündig: Dort bietet das Neckar-Center seinen Kunden ein großzügiges Parkhaus an - auf dem obersten Parkdeck ist Platz, um eine Leinwand aufzustellen. Und weil auch die Geschäftsführung des Einkaufszentrums von der Idee angetan ist, würde die Koki-Crew gerne so rasch wie möglich loslegen. Die Infrastruktur ist vorhanden, ein erster Testlauf bereits geplant. „Wenn es nach uns geht, könnten wir sofort loslegen“, versichert Sibylle Tejkl.

Doch bis dahin ist noch das eine oder andere zu regeln. Dass die Idee Potenzial birgt, ist für Stefan Hart keine Frage: „Wir könnten uns gut vorstellen, dass auch andere Veranstalter und sogar die Kirchen eine solche Möglichkeit gerne nutzen.“

Testlauf ist bereits geplant

Die ersten Autokinos wurden schon in den 30er-Jahren in den USA eröffnet, ihre große Zeit erlebten sie in den 50ern und 60ern - auch hierzulande. Manche dieser Filmtheater existieren bis heute, und sie erfreuen sich in Corona-Zeiten plötzlich wieder gro­ßer Beliebtheit. Anders als im klassischen Filmtheater hat nämlich jeder mit dem eigenen Wagen eine Art Kabine um sich herum, die vor einer möglichen Ansteckung schützt. Der Film wird auf eine große Leinwand projiziert, den Ton holt sich jeder per Autoradio über eine UKW-Frequenz ins eigene Auto, das wie eine schallschluckende Kabine wirkt und nichts nach außen dringen lässt.

Reichlich Open-Air-Erfahrung hat das Kommunale Kino mit seinem alljährlichen Filmfestival auf der Esslinger Burg bereits gesammelt, doch im Autokino-Geschäft ist die Koki-Crew bislang noch unerfahren. Deshalb wollen Sibylle Tejkl, Stefan Hart und ihre Mitstreiter erst einmal ausprobieren, wie sich ihre Idee möglichst perfekt umsetzen lässt. Ein erster Testlauf soll wichtige Hinweise bringen. Dabei beschränkt sich das Kommunale Kino auf das kleinere der beiden oberen Parkdecks des Neckar-Center-Parkhauses - 68 Fahrzeuge finden dort maximal Platz. Und wenn auch die letzten behördlichen Hürden genommen sind, wäre ein Umzug aufs größere der beiden oberen Parkdecks möglich, das sogar für 178 Autos geeignet wäre. „Dann müssten wir uns allerdings die nötige Projektionstechnik extern besorgen“, sagt Stefan Hart. Den Testlauf können er und seine Mitstreiter mit vorhandenen Mitteln starten.

Die Autokino-Idee hat in Corona-Zeiten besonderen Charme: Pro Fahrzeug dürfen maximal zwei Zuschauer Platz finden, jeder bleibt während der Vorstellung im eigenen Wagen und kommt anderen dadurch nicht zu nahe. Eintrittskarten könnten ausschließlich online verkauft werden - wer vorab ein Ticket gelöst hat, fährt zum Einlass und lässt dort sein Ticket durch die geschlossene Autoscheibe scannen. So ist gewährleistet, dass sich die freiwilligen Helfer des Kommunalen Kinos und die Besucher gegenseitig nicht zu nahe kommen. Damit alles seine Ordnung hat, bekommt jeder Wagen seinen festen Platz zugewiesen. Gedanken hat sich das Kommunale Kino auch schon über die Programmgestaltung gemacht. „Wir würden uns am Profil des Kinos auf der Burg orientieren“, sagt Sibylle Tejkl, wobei sie eine Einschränkung macht: „Problemfilme würden wir aussparen. Danach steht den meisten gerade nicht der Sinn.“ Dafür könnten früher oder später auch weitere Partner ins Boot kommen. So fanden bereits erste Gespräche mit Kirchen statt, die die Infrastruktur für Gottesdienste nutzen könnten.

Noch ist das eine oder andere zu klären, ehe das Autokino auf dem Parkdeck des Neckar-­Centers offiziell an den Start gehen kann. Doch das Koki-Team ist zuversichtlich: „Gerade aktuell ist es wichtig, für etwas Normalität zu sorgen und Kultur anzubieten, wo immer das nur möglich ist“, findet Stefan Hart. Und er ist dankbar, dass es auch von offizieller Seite viel Unterstützung gibt. So hat die Bundesnetzagentur in Rekordzeit eine UKW-Frequenz zur Filmton-Übertragung zugeteilt. „Gerade jetzt müssen wir alle versuchen, unseren Beitrag zu einem Miteinander zu leisten. Das geht nicht ohne die unbürokratische Unterstützung durch die Behörden“, sagt Tejkl.

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