Zwischen Neckar und Alb

Freie rütteln am „Esslinger Modell“

Kommunen sollen nicht nur mit dem Kreisjugendring Verträge über die Jugendarbeit abschließen können

Seine finanzielle Schieflage hat der Kreisjugendring Esslingen (KJR) überwunden. Doch jetzt erfährt der KJR aus zwei Richtungen Gegenwind.

Kreis Esslingen. Die Freien Wähler wollen den Kommunen ermöglichen, mit anderen freien Trägern Verträge über die Jugendarbeit abzuschließen. Auch der CVJM Esslingen rüttelt am „Esslinger Modell“ und will die gleiche Förderung wie der KJR.

Den größten Teil der offenen Jugendarbeit leistet der Kreisjugendring im Auftrag des Landkreises. Dafür erhält er ein Budget von 2,45 Millionen Euro. Darüber hinaus bezuschusst der Kreis die sogenannten jugendhausähnlichen Einrichtungen, die von anderen Trägern betrieben werden. Diesen Posten, 210 000 Euro, hat der Jugendhilfeausschuss des Kreistags kürzlich beschlossen. Ohne wirklich über den Brief von CVJM Esslingen, dem Evangelischen Jugendwerk und den evangelischen Kirchengemeinden Köngen und Nürtingen zu diskutieren, die eine „strukturelle Schlechterstellung“ gegenüber dem KJR beklagen. Nach dem seit Jahrzehnten geltenden „Esslinger Modell“ teilen sich der Landkreis und die Standort-Kommunen die Personalkosten für Jugendhäuser. Der CVJM erhält für seine Jugendtreffs, etwa das Makarios, nur ein Drittel der Personalkosten. Von der Qualität der Arbeit her gebe es aber keine Unterschiede zu den KJR-Einrichtungen, schreiben die evangelischen Träger. Er kenne diesen Brief nicht, bremste Landrat Heinz Eininger diese Debatte aus.

Von einer anderen Seite her rütteln die Freien Wähler am „Esslinger Modell“. Die Fraktion, in der viele Bürgermeister vertreten sind, legten einen Antrag auf den Tisch, der den Kommunen ermöglichen würde, in der offenen Jugendarbeit auch auf andere Partner als den KJR zurückzugreifen. Und diese sollten ebenso wie die mehr als 30 KJR-Jugendhäuser im Kreis den 50-Prozent-Zuschuss erhalten.

Landrat Heinz Eininger zeigte sich von diesem Vorstoß ebenso überrascht wie wenig angetan. „Letztlich führt dieser Antrag zur vollständigen Öffnung des bisherigen Modells, der Kreis wäre nur noch Mitfinanzierer.“ Der Kreis handle mit dem KJR nicht nur Budgets, sondern stets auch neue Ziele aus. Damit erfülle er seine Aufgaben im Sinne des Jugendhilfegesetzes. Das „Esslinger Modell“ ist für Eininger die Garantie für hohe und einheitliche Standards. Diese positive Rolle des KJR hatte in der Sitzung auch Johannes Schnurr vom Institut für Soziale Arbeit Münster betont. Die Jugendhilfe im Landkreis sei nicht zuletzt dank des KJR so erfolgreich. Ebenso hatte Volker Reif vom Landesjugendamt des Kommunalverbands für Jugend und Soziales in seinem Bericht zum Niveau der Jugendarbeit im Kreis auf die positive Rolle dieses Modells hingewiesen.

CDU-Kreisrätin Ursula Merkle zeigte sich erbost über den Vorstoß der Freien Wähler: „Es ist ein Unding, mit diesem Antrag heute zu kommen, zumal noch gar nichts zu beschließen ist.“ Das gehöre in den Beirat. Der soll bis zum Herbst Vorschläge zu einer Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendarbeit machen.

Frank Buß, Sprecher der Freien Wähler, ruderte zwar ein Stück weit zurück: „Als wir den Antrag formulierten und verschickten, kannten wir die Sitzungsvorlage noch nicht“. In dieser wurde lediglich um Kenntnisnahme des Zwischenberichts gebeten. Die Zielrichtung unterstrich Buß dennoch. Vor allem den Großen Kreisstädten, die vielfältigen Anforderungen in der Jugendarbeit gerecht werden müssten, sei dieser Punkt ein Anliegen gewesen. Der Grund dafür könnte auch eine gewünschte stärkere Verzahnung mit der Jugendberufshilfe und der Schulsozialarbeit sein, glauben manche.

Buß bekräftigte aber gleichzeitig: „Die Freien Wähler stehen zum Esslinger Modell.“ Eben wegen der hohen sozialpädagogischen Qualität dieses Modells mit dem KJR als verantwortlichem Träger glaube er nicht, dass dieser durch eine Öffnung für andere Leistungserbringer gefährdet sei. „Eine überschaubare Konkurrenz sollte eher als Herausforderung verstanden werden.“

Auch für Peter Lohse, der für die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege im Ausschuss sitzt, ist „eine Monopolstellung nicht unbedingt Garant für Qualität“, doch betonte er auch: „Es geht nicht um die Zerschlagung des KJR, hinter dem ich stehe, sondern vielmehr um eine adäquate Förderung weiterer Träger.“.

Beim Landrat klingelte da die finanzielle Alarmglocke: „Nach allem, was ich bisher gehört habe, geht es um eine hohe sechsstellige Summe.“ Er bezweifelt, dass der Kreisetat es hergibt, dies zusätzlich dauerhaft zu stemmen und mahnte an, dass aus seiner Sicht dann an anderer Stelle Abstriche gemacht werden müssten. Dieter Pahlke, Vorsitzender des KJR, erklärte, dieser Antrag käme nach den erfolgreichen Anstrengungen zur Konsolidierung zu einem sehr unglücklichen Zeitpunkt.nz/ez

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