Zwischen Neckar und Alb

„Für mich lebt er noch“

Vermisstenfall Ein 76-Jähriger aus Esslingen-Zell ist seit über einem halben Jahr spurlos verschwunden. Die Polizei geht von einem Unglück aus. Die Tochter hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Von Roland Kurz

Sevda Hüner hat überall in der Stadt Fotos von ihrem Vater aufgehängt. Foto: Roland Kurz
Sevda Hüner hat überall in der Stadt Fotos von ihrem Vater aufgehängt. Foto: Roland Kurz

Am 2. Juni 2019, einem Sonntagmorgen, verlässt Binali Göker das Haus seiner Tochter in der Zeller Hauptstraße. Mit dem Bus fährt er in die Esslinger Innenstadt. Zwei Tage später wird der 76-Jährige in Hohengehren noch einmal gesehen. Seither fehlt von ihm jede Spur. „Für mich lebt er noch“, sagt Sevda Hüner, seine Tochter. Aber manchmal sagt ihr der Verstand, dass ihr Vater vermutlich tot ist. Die Polizei vermutet, dass ein Unglück passiert ist. Aber wo? Und wieso? Sevda Hüner stellt sich viele Fragen. „Ich kann nicht abschließen. Es gibt keinen Friedhof, wo wir ihn besuchen und Blumen hinlegen können.“

An jenem heißen Sonntag Anfang Juni - das Thermometer wird auf 35 Grad steigen - frühstückt Familie Hüner zusammen mit Opa Göker. Nach dem Tod seiner Frau ist er von Aichwald zu seiner Tochter und deren Mann gezogen, der in Zell einen Obst- und Gemüseladen betreibt. Fünf vor zehn eilt der 76-Jährige zum Bus, das Handy nimmt er nicht mit. Vielleicht, weil er es eilig hat, vielleicht, weil ihn sowieso niemand anrufen wird, wie er manchmal sagt. Der Rentner will zum Esslinger Bahnhof, wo er sich häufig aufhält und frühere Arbeitskollegen trifft. Vor mehr als 30 Jahren ist Binali Göker aus Istanbul nach Deutschland gekommen. Bei Panasonic und Nokia fand er Arbeit.

Die Überwachungskamera am Busbahnhof zeigt, wie Göker um 11.10 Uhr zum ES-Center läuft. Begleitet wird er von einer Bekannten aus Denkendorf. Mit ihr wird er noch einmal zwischen 13 und 14 Uhr gesehen, an der Bushaltestelle in Liebersbronn.

Am Abend wundert sich Sevda Hüner, warum ihr Vater nicht wie üblich um 17 oder 18 Uhr nach Hause gekommen ist. Ihr Mann fährt drei oder vier Mal in die Stadt und hält Ausschau. Familie Hüner wartet bis Montag. Die Tochter fragt am Klinikum nach. Anfang des Jahres war der 76-Jährige drei Mal im Krankenhaus. Er hat Herz- und Nierenprobleme und nimmt entsprechende Medikamente. Gegen 12 Uhr geht Sevda Hüner schließlich zur Polizei. Die macht zunächst die Bekannte ausfindig, befragt sie und sucht in Denkendorf.

Auf die Vermisstenmeldung hin meldet sich eine Zeugin aus Baltmannsweiler-Hohengehren. Sie ist sich sicher, den Mann am Dienstag gegen 20.30 Uhr gesehen zu haben, wie er am Tannhof, am Ortsrand Richtung Winterbach, vorbeigelaufen sei, auf einem Feldweg ins Wald- und Wiesengelände.

Mit der Strickjacke unterwegs

Er sei ihr aufgefallen, weil er an diesem heißen Tag eine Strickjacke trug. Sie habe sich gefragt, ob er aus einem Pflegeheim weggelaufen sei. Verwirrt habe er aber nicht gewirkt, sondern er habe freundlich gegrüßt. „Meinem Vater ist immer kalt“, erklärt Sevda Hüner die ungewöhnliche Kleidermischung: Jacke und offene Schuhe. Den Pass, um eine Reise zu machen, habe er nicht dabei gehabt, nur die Verbundfahrkarte, seine türkische Bankkarte und 170 oder 180 Euro. Das wisse sie, weil er der Enkelin am Morgen noch 50 Euro geschenkt habe. Bei Hohengehren ist Binali Göker zum letzten Mal gesehen worden. Einem Hinweis, dass er in der Pliensauvorstadt mit Anglern geredet haben soll, schenkt die Tochter weniger Bedeutung.

Die Polizei leitet am 4. Juni eine Suchaktion ein, mit Hubschrauber und Hunden. Auch andere Rettungskräfte sind beteiligt. Doch sie finden keine Spur von Binali Göker, auch spätere Suchaktionen bleiben erfolglos. Auf die Aufrufe in den Medien seien einige Hinweise eingegangen, sagt Polizeisprecher Michael Schaal, „aber alles negativ“. Die aktive Suche sei inzwischen eingestellt worden, die Streifendienste wüssten aber Bescheid und würden den Vermissten erkennen, falls er auftauchen sollte. Man halte auch noch den Kontakt zu den Angehörigen. „Mehr kann man nicht machen.“

Nichts als Vermutungen

Sevda Hüner hat überall Plakate mit dem Foto ihres Vaters aufgehängt, auch in Stuttgart und Plochingen. Viele Zettel hängen immer noch in Geschäften oder an Lichtmasten. Hilfreiche Hinweise hat die Tochter nicht mehr erhalten. Nur Vermutungen bekommt sie zu hören. Vielleicht sei es die Organmafia gewesen, lautet eine Theorie. „Das kann ich mir nicht vorstellen, die suchen sich doch keinen alten Mann aus“, sagt Sevda Hüner. Mit Bekannten hat sie selbst mehrfach im Waldgebiet um Hohengehren gesucht. Manchmal, wenn es ihr schlecht geht, fährt sie auf den Schurwald und sucht. „Er hatte keinen Grund abzuhauen“, betont die Tochter, „wir hatten ein gutes Verhältnis.“ Die Enkelin des Vermissten ist am 25. Dezember acht Jahre alt geworden. „Sie hat die Kerzen ausgepustet, sich aber keinen Schnee gewünscht wie sonst“, erzählt die Mama. Was sie sich für den Opa gewünscht hat, habe sie nicht verraten, weil es sich ja sonst nicht erfüllt.

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