Zwischen Neckar und Alb

Gefräßige Nager auf dem Vormarsch

Natur Im Landkreis Esslingen leben derzeit schätzungsweise 15 Biber – eigentlich eine gute Nachricht. Aber auch Konflikte sind programmiert. Von Pia Hemme

Uwe Hiller zeigt einen stark abgenagten Baum, an dem sich ein Biber zu schaffen gemacht hat.Foto: Bulgrin
Uwe Hiller zeigt einen stark abgenagten Baum, an dem sich ein Biber zu schaffen gemacht hat.Foto: Bulgrin

Er kann bis zu 30 Kilogramm schwer werden, hat braunes, dichtes Fell und bleibt, wenn es sein muss, auch mal bis zu 20 Minuten lang unter Wasser: Europas größtes Nagetier, der Biber, breitet sich nach seiner Ausrottung im 19. Jahrhundert wieder im Landkreis Esslingen aus. Circa 15 Tiere sollen sich bei uns heimisch fühlen. „Eines seiner Reviere ist im Aichtal. Für den Biber ist das wie im Schlaraffenland“, sagt Uwe Hiller, Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbands. Dass sich der Biber dort so wohl fühlt, gefällt aber nicht jedem: Konflikte mit Anwohnern und Landwirten sind programmiert und werden in den kommenden Jahren wohl häufiger auftreten, weiß der Biberexperte.

Tiere sind streng geschützt

An diesem Nachmittag führt eine Exkursion, die Hiller in Kooperation mit dem Naturschutzzentrum Schopflocher Alb anbietet, entlang der noch an vielen Stellen naturnahen Aich. „Es ist unwahrscheinlich, einen Biber zu Gesicht zu bekommen“, so Hiller. Denn das streng geschützte Tier ist dämmerungs- und nachtaktiv. Doch man kann viele Spuren von ihm erkennen: Fraßspuren, Trittsiegel sowie die Ein- und Ausgänge der Biberbauten. „Der Biber will seinen Lebensraum gestalten“, sagt Uwe Hiller.

Das kann aber auch zu Konflikten führen, zum Beispiel mit Anwohnern. „Das hier ist ein Paradebeispiel“, erklärt Hiller und deutet auf eine Gartenanlage mit einem Teich und Obstbäumen in Ufernähe der Aich. Der Biber könnte den Teich interessant finden und einen Tunnel graben. Die Konsequenz: Das Wasser wird abgelassen. Angenagte Obstbäume oder Überschwemmungen durch Dämme sind weitere Situationen, die zu Spannungen führen können, unter anderem zwischen Bibern und Landwirten.

Wer ein Problem mit einem Biber hat, der solle sich an die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Esslingen wenden, rät Hiller. Sogenannte Biberberater suchen dann nach Lösungen. Der Landschaftserhaltungsverband des Landkreises Esslingen ist für das sogenannte Bibermanagement zuständig. Die Berater kümmern sich nicht nur um Konfliktlösungen und Prävention, sondern kartieren auch Biberreviere. Das Regierungspräsidium hat dem Verband diese Aufgabe übertragen.

Zum Beispiel können Gitter für geschützte Obstbäume angebracht werden oder Elektrozäune um ein Maisfeld. Doch Entschädigungen für die Schäden, die die Tiere angerichtet haben, gibt es nicht: „Der Biber ist ein wildes Tier.“ Wenn man von einer Wildbiene gestochen werde, erhalte man schließlich auch keine Entschädigung vom Landkreis.

Sich einfach selbst um das Biberproblem zu kümmern, davon rät Uwe Hiller ab. Denn das Tier stehe unter strengem Schutz. „Es gilt die FFH-Richtlinie. Das ist der strengste Schutzstatus, den es gibt.“ Nicht zu unterschätzen sei auch die enorme Beißkraft der Nager: „Biber sind Wildtiere. Sie können ohne Probleme einen Finger abbeißen“, betont Hiller. Aber nicht nur der Biber an sich, sondern auch sein Lebensraum steht unter besonderem Schutz. So dürfe man nicht einfach einen Biberdamm zerstören oder den Biber in seinem Lebensraum stören. Den Tieren nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen, zu töten oder zu verkaufen, ist verboten. Ausnahmen gibt es in Bayern: Falls es eine Überpopulation geben sollte, dürfen spezielle Jäger die Nagetiere schießen. Von dort aus kommen übrigens die meisten Biber über Flusssysteme nach Baden-Württemberg.

Keine natürlichen Feinde

Dass der Biber im Ländle einst ausgerottet wurde, hat viele Gründe. Unter anderem wurden die Nager wegen ihres dichten Fells und wegen des Bibergeils gejagt - einem Sekret aus den Drüsen des Tieres, das besonders in der Medizin gefragt war. Heute siedelt sich der Biber wieder in mehreren europäischen Ländern an - Tendenz steigend. „Ein Biberpaar bekommt zwei bis fünf Jungtiere, und der Biber hat keine natürlichen Feinde“, erklärt Hiller. Gefährlich werden ihnen dafür Krankheiten, Straßen und Hochwasser - dabei können sie sogar ertrinken.

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