Zwischen Neckar und Alb

Gegen die Unterwerfung

IG Metall feiert 125 Jahre – Rückblick auf Erfolge und schwierigste Anfänge

Die IG Metall Esslingen feiert im Kulturzentrum Dieselstraße ihr Jubiläum. Der Esslinger Ortsfrauenausschuss singt „Brüder, zur
Die IG Metall Esslingen feiert im Kulturzentrum Dieselstraße ihr Jubiläum. Der Esslinger Ortsfrauenausschuss singt „Brüder, zur Freiheit, zur Sonne“ teilweise mit einem Spezialtext für die Schwestern. Foto: Peter Dietrich

In Esslingen ist die IG Metall 125  Jahre alt geworden. Das feierte sie im Kulturzentrum Dieselstraße mit erhellenden Einblicken in ihre Geschichte.

Peter Dietrich

Esslingen. Die Löhne, so die Forderung der Arbeitgeber, müssten gesenkt werden, die Kapitalrendite sei zu gering, es werde daher zu wenig investiert. Nur so könne Deutschland auf dem Weltmarkt konkurrieren. Das klingt aktuell – und wurde von den deutschen Metallindustriellen in der Lohnrunde des Jahres 1929 behauptet. Die Begründung der Arbeitgeber ist damals wie heute die gleiche, sagte Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, in seiner Festrede. Nach wie vor strebten die Unternehmen nach noch flexibleren Arbeitstakten und noch mehr Rationalisierung. Für Zitzelsberger ist das ein klarer Beleg dafür, „dass die IG Metall ihre Berechtigung nicht nur in der Historie, sondern gerade im Hier und Jetzt hat“.

Oberbürgermeister Jürgen Zieger erinnerte an den schwierigen Start. Die erste Gründung eines Arbeitervereins in der Stadt war im Juni 1848, er plante laut Satzung „eine allgemeine und moralische Bildung des Arbeiters zu erstreben“ und wollte dessen „materiellen und geistigen Interessen“ nachdrücklich fördern. Nach vier Jahren Unterdrückung wurde der Verein aufgelöst und 1855 formell verboten. Schon 1862 gab es wieder einen Arbeiterbildungsverein. Nach Aufhebung von Bismarcks Sozialistengesetzen begann der Metallarbeiter-Fachverband (DMV) am 20. Juni 1891, vor fast genau 125 Jahren, in Esslingen mit lediglich 92 Mitgliedern. Bis 1895 stieg die Zahl nur auf 101. „Das war bei rund 3 500 Metallern in Esslingen ein Organisationsgrad von nicht einmal drei Prozent“, sagte Zieger. Heute zählt die IG Metall in Esslingen rund 15 000 Mitglieder, die gesamte IG Metall fast 2,3 Millionen. Kurz wurde Zieger persönlich: Erst die Bildungsreformen Willi Brandts hätten ihm, als Arbeiterkind ohne Abitur, auf dem zweiten Bildungsweg das Studium ermöglicht.

Zitzelsberger erinnerte daran, dass Ende des 19. Jahrhunderts in der Metallindustrie 85 bis 120 Wochenstunden gearbeitet wurde. Arbeiter fielen in Ohnmacht, der Meister leistete mit einer Flasche Wermut „Erste Hilfe“. In den harten Auseinandersetzungen, etwa um den Zehn-Stunden-Tag, war die Region um Esslingen, Nürtingen und Kirchheim eine starke gewerkschaftliche Bastion. Die Erfolgsgeschichte der IG Metall, betonte Zitzelsberger, sei nicht geradlinig verlaufen. Von 1922 bis 1924 hatten sich die Mitgliederzahlen des DMV mehr als halbiert und die Arbeitszeiten wieder auf 55 bis 60  Stunden verlängert.

In der aktuellen Situation sieht Zitzelsberger Parallelen zur Geschichte. „Abgrenzung, Chauvinismus, Sündenböcke und ein nationalgetümeltes Weltbild führen gerade in vielen Ländern zu einem Aufflammen rechter Demagogen. Wir müssen uns mit aller Entschlossenheit gegen solche Brunnenvergifter und Hetzer wie die AfD und ihre Brüder und Schwestern im Geiste wehren“, sagte er unter starkem Applaus.

Gerhard Wick, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Esslingen, kritisierte mit einem Zitat von Herbert Marcuse „die Unterwerfung des Menschen unter den Apparat“. Heute gehe es darum, dass wirtschaftliche Wertschöpfung nicht nur wenigen nutze, sondern in gesellschaftlichen Fortschritt für alle verwandelt werde. Ein Blick auf 125 Jahre IG Metall zeigt: „Ein besseres Morgen ist möglich.“ Wer die Überzeugungen habe und bereit sei, für sie etwas zu riskieren, der könne etwas zum Guten verändern.

Verändert hatte der Esslinger Ortsfrauenausschuss den Text des Arbeiterliedes „Brüder, zur Freiheit, zur Sonne“, den teilweisen Spezialtext sangen nur die Schwestern. Dann erhoben sich alle und sangen mit – inklusive der Abgeordneten und Arbeitgebervertreter. Letztere hatte Wick als „Sozialpartner“ begrüßt. „Früher hat das ‚der Klassenfeind‘ geheißen.“

Die Musik ging weiter: Bühne frei für Bernd Köhler und sein musikalisches Weltorchester ewo2, für den „Haifisch mit Zähnen“ und viele andere begeisternde Beiträge.

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