Zwischen Neckar und Alb

Gestärkt aus der Krise

Hilfsmaterial Im DRK-Zentrallager am Hohenreisach ist man nach zwei Jahren Flüchtlingskrise zurück in der Normalität. Eine Situation wie 2015, als der Nachschub stockte, soll sich nicht wiederholen. Von Bernd Köble

Paletten bis unters Dach: DRK-Lagerverwalter Manfred Lechler kann derzeit vollen Bestand vermelden.Foto: Carsten Riedl
Paletten bis unters Dach: DRK-Lagerverwalter Manfred Lechler kann derzeit vollen Bestand vermelden.Foto: Carsten Riedl

Die Situation war auch für altgediente Mitarbeiter völlig neu. Das Lager binnen Wochen leer, Nachschub auch auf dem freien Markt kaum mehr zu bekommen. Zum ersten Mal war das DRK nicht Partner in der Not für fremde Länder, sondern selbst auf Hilfslieferungen aus dem Ausland angewiesen. Rund 19 000 Feldbetten fanden zur Jahresmitte 2015 den Weg aus Kanada und den USA nach Baden-Württemberg, weil Hersteller hierzulande mit ihrer Produktion nicht mehr hinterher kamen. Der Zustrom von 185 000 Geflüchteten brachte Behörden und Hilfsorganisationen im Land vor zwei Jahren zum ersten Mal seit Kriegsende ans Limit.

Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. 2016 kamen gegenüber dem Vorjahr weniger als ein Drittel der Menschen ins Land. Seit Herbst sind die Zahlen weiter deutlich gesunken. Geblieben ist die Erkenntnis, dass es Engpässe wie diese in naher Zukunft zu verhindern gilt. Auch wenn beim Thema Zuwanderung niemand Prognosen wagt, DRK-Referatsleiter Björn Vetter ist überzeugt, dass der Landesverband in den kommenden fünf Jahren für ähnliche Situationen gewappnet sein wird. Viele Zulieferer hätten aus der Krise gelernt. „Es haben sich neue Märkte entwickelt“, sagt Vetter. „Hersteller haben ihre Produktionsprozesse entsprechend angepasst.“ Lieferzeiten von bis zu neun Monaten für Feldbetten, wie im Sommer vor zwei Jahren, oder restlos ausverkaufte Hygiene-Artikel bei Lieferanten, die auch Hote­lerie und Gastronomie bedienen, soll es so nicht mehr geben. Konfektionierte Hygiene-Sets für humanitäre Hilfe, das gibt es erst jetzt.

Auch die politische Debatte haben die Erfahrungen der vergangenen Jahre beflügelt. Land und DRK machen sich zurzeit gemeinsam Gedanken über ein einheitliches Betreuungskonzept, das bisher fehlt. Material, vom Land eilig beschafft und 2016 plötzlich nicht mehr gebraucht, lagert inzwischen ebenfalls in Kirchheim – zur Miete. Gemeinsame Disposition hat nichts mit Geflüchteten-Zahlen zu tun, sondern mit Ökonomie und Vorsorge für den nationalen Katastrophenfall, für den das Lager am Hohenreisach in den Fünfzigerjahren eingerichtet wurde. Für Fälle, in denen mehr als zehntausend Notopfer zu versorgen wären, sei das Land nicht vorbereitet, behauptet Vetter. Insofern hat die jüngste Krise etwas Gutes: „Die Frage, ob wir uns den Luxus der Lagerhaltung leisten wollen, hat sich dadurch endgültig erübrigt.“

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