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Gewerbegebiet 26 Stunden offline

Falsche Freigabe der Telekom verursacht beim Kappen einer Glasfaserleitung Schaden in Millionenhöhe

Was eine gekappte Glasfaserleitung mit sich bringt, konnten einige Nürtinger Betriebe in ­dieser Woche miterleben: 26 Stunden kein Internet.

In der Gottlieb-Daimler-Straße wird das Glasfaserkabel angeschlossen.Foto: Jürgen Holzwarth
In der Gottlieb-Daimler-Straße wird das Glasfaserkabel angeschlossen.Foto: Jürgen Holzwarth

Nürtingen. Welchen Schaden ein Internetausfall nach sich ziehen kann, war vielen Nürtinger Unternehmen noch nicht so wirklich bewusst. Doch das änderte sich dann am Montag schlagartig. Mehr als 26 Stunden gab es wegen einer gekappten Glasfaserleitung keinen Zugang zum weltweiten Datennetz. Inzwischen steht fest: Die Baufirma, die am Montagmorgen das Kabel durchtrennte, hatte von der Telekom ausdrücklich die Freigabe bekommen.

Seit Dienstagmittag ist die Datenleitung wieder repariert. Die Firma Bürotex metadok hatte kurz nach 12.30 Uhr wieder Netzzugang. Der Schaden für das Unternehmen sei erheblich. Laut Geschäftsführer Timo Ulmer sei man als Internet-Dienstleister auf funktionierende Datenleitungen angewiesen. Und die habe man von der Telekom auch zugesichert bekommen. Eigentlich sollte die Firma mit zwei physisch getrennten Glasfaserverbindungen angeschlossen sein – für den Fall, dass eine ausfällt. Außerdem sei vertraglich zugesichert worden, Ausfälle binnen sechs Stunden zu beheben. Daneben hat das Unternehmen bei einem anderen Anbieter einen DSL-Anschluss als dritte Sicherheitslösung. Doch auch der sei ausgefallen. Ulmer vermutet, dass die beiden Glasfaserleitungen zusammen verlegt wurden und auch die DSL-Leitung über einen Knotenpunkt in die gleiche Glasfaserleitung eingespeist wird.

Ein Schwerpunkt des Unternehmens ist das Dokumentenmanagement und das elektronische Erstellen von Belegen und Rechnungen sowie das Hosting von kompletter IT-Infrastruktur für kleine und mittelständische Unternehmen. Das geht jedoch nur, wenn die Daten übermittelt werden können. Welche Ausmaße der Ausfall hatte, kann Ulmer in einer Zahl zusammenfassen: „500 000 Dokumente konnten nicht archiviert werden.“ Den Schaden bei seinen Kunden beziffert Ulmer im „hohen sechs- bis siebenstelligen Bereich“. Man habe etwa 30 aktive Warenwirtschafts-Vorsysteme. „Wir sind zentrale Rechnungsstelle von diversen Firmen.“ Ulmer rechnet mit Regressforderungen seiner Kunden. Besonders hart traf es die kleinen Kunden: „Kleine Kunden, die alle Services über uns beziehen, mussten teilweise ihre Mitarbeiter wieder nach Hause schicken. Ein Arbeiten war unmöglich.“ Außerdem bietet Bürotex Cloud-Lösungen. Bis zu 30 000 Benutzer seien von dem 26-Stunden-Ausfall betroffen gewesen. Deshalb prüfe man jetzt auch rechtliche Schritte gegen die Telekom.

Auch bei Metabo gebe es solche Überlegungen, sagt der IT-Chef Thomas Rinas. Wie hoch der Schaden für den Nürtinger Elektrowerkzeughersteller ist, lasse sich zwar noch nicht genau beziffern. Studien zeigten aber, dass für Unternehmen dieser Größe bei einem Ausfall der Datenverbindungen ein Schaden von bis zu 40 000 Euro pro Stunde entstehen könne, so Rinas. Die Internetverbindung des Unternehmens sei von dem Ausfall nicht betroffen gewesen. Sie laufe über das Rechenzentrum der Stadtwerke. Betroffen waren die Direktleitungen über das Glasfasernetz der Telekom und die Telefonleitungen. Man habe es auch im Laufe des Abends geschafft, das Werk in Schanghai wieder an die Unternehmensserver anzubinden.

Auch beim Autohaus Deininger ging bis mittags nichts. Geplante Reparaturen konnten nicht stattfinden, weil die Werkstatt keinen Zugriff auf den Ford-Server hatte. „Ich hatte die Telefone auf mein Handy umgestellt“, sagt Christoph Deininger. Wie hoch der Schaden für sein Unternehmen ist, konnte er ebenfalls nicht beziffern. Man wisse ja nicht, wie viele Kunden an diesem Tag angerufen haben oder wie viele Autofahrer vor der Tankstelle gewendet haben, weil keine Kartenzahlung möglich war.

Andreas Lang, Bauleiter im Tiefbauamt Nürtingen, sagt, dass die Telekom bereits seit November 2015 wusste, dass am Deininger-Brückle Leitungen verlegt werden müssen. Stadt und Baufirma seien jedoch immer wieder vertröstet worden. „Die Brücke wurde bereits am 14. Juli abgenommen“, so Lang. An den Glasfaserkabeln habe sich nichts getan. Man habe der Telekom eine Frist bis zum 9. September gesetzt, das bereits eingezogene Kabel zu aktivieren, weil die Baufirma die alten Leitungen entfernen wollte. „Ansonsten werden diese vonseiten der Stadt gekappt und die Öffnungen an den Widerlagern verschlossen“, so die E-Mail.

Das alte Kabel lief über provisorische Ausleger an der Brücke entlang. Für die neuen Kabel wurde in der Brücke extra ein Leerrohr verlegt. Vergangenen Freitag wollte der Bauleiter der Brückenbaufirma dann wissen, zu welchem Termin die alten Leitungen abgebaut werden dürften. Die Antwort der Telekom: „Die Leitungen sind umgelegt. Einem Rückbau steht nichts mehr im Wege.“ Auf den erneuten Hinweis, dass die Firma am Montag die Kabel abreißen und die Aussparungen schließen würde, kam die lapidare Rückmeldung: „ja“ und der Hinweis, dass dies bereits dem Planer mitgeteilt worden sei. Ein Sprecher der Telekom räumte dann einen Fehler des Unternehmens ein. Die Freigabe zum Abriss sei tatsächlich erteilt worden.

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