Zwischen Neckar und Alb

Gewichtige Argumente eines Stadtrats

Sport Nürtingens Ratsmitglied Andreas Deuschle erzählt über seinen Sport und wie ihn die Wiedervereinigung um eine Olympiateilnahme brachte. Von Barbara Gosson

Andreas Deuschle in Aktion.Foto: Jürgen Holzwarth
Andreas Deuschle in Aktion.Foto: Jürgen Holzwarth

Er ist mit 1,93 Körpergröße und 150 Kilogramm Lebendgewicht, so ergab es die Messung beim Silvesterwiegen, eine imposante Erscheinung. Mit dem „Highlander“ Andreas Deuschle hat Nürtingen vermutlich den stärksten Stadtrat Deutschlands. Was macht er, damit er so stark wurde und auch so stark bleibt? Ein Gespräch über den Kraftsport.

Herr Deuschle, was ist Ihr nächstes Projekt?

Andreas Deuschle: Alle drei Jahre findet in Zug das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest statt, das nächste Mal am Wochenende 24. und 25. August. Dort habe ich das letzte Mal das Steinstoßen einarmig mit 40 Kilogramm gewonnen, in diesem Jahr bin ich mit 51 Jahren der älteste Teilnehmer und gleichzeitig der Favorit auf den Titel. In der Schweiz ist der Sport extrem populär, es werden an die 300 000 Zuschauer erwartet.

Sie sind hier allgemein als Highlander bekannt, kommen jedoch vom Kugelstoßen, wo Sie sehr erfolgreich waren und sind. Bringt es in dem Sport weiter, eine gute Veranlagung zu haben?

Deuschle: Man sollte schon groß und kräftig sein, so ungefähr 1,90 Meter groß und 120 Kilo schwer, sonst kommt man nicht über die unteren Klassen hinaus. Im Kugelstoßen gibt es nämlich keine Gewichtsklassen, ohne entsprechenden Körperbau schafft man es nicht auf Weltniveau. Den Rest macht die Technik. Die Älteren setzen noch auf die sogenannte Angleittechnik, die Jüngeren eher auf die Drehstoßtechnik. Die sind etwas zierlicher. Die Technik später zu wechseln ist sehr schwierig.

Wie trainieren Sie auf einen Wettbewerb in einer der beiden Disziplinen?

Deuschle: Zunächst beginne ich zum Aufbau mit wenigen Gewichten, ungefähr 60 Prozent der normalen Leistung und mache viele Wiederholungen. In der nächsten Phase gibt es nur noch drei bis sechs Wiederholungen mit 70 bis 80 Prozent der Maximalleistung, also bei 200 Kilogramm Maximalleistung drückt man 160 bis 170 Kilogramm auf der Bank. Oder es gibt Pyramidentraining, wo nach jedem Set das Gewicht erst gesteigert, dann verringert wird. Es geht um die Steigerung der submaximalen Schnellkraft. Bankdrücken oder Kniebeugen mit Gewichten ist nicht das Einzige, ich mache auch Faszientraining mit der Rolle. Klassischer Ausdauersport wäre kontraproduktiv, da hier die langsamen, nicht die schnellen Muskeln aufgebaut werden. Bei meinem Sport geht es darum, die maximale Kraft schnell abzurufen.

Wen fragen Sie, wenn Sie einmal nicht weiter wissen?

Deuschle: Ich habe selbst eine Trainerlizenz, kenne mich also auch mit der Theorie aus. Wenn ich einen Rat brauche, wende ich mich an den Landestrainer Peter Salzer, bei dem ich zwei Jahre lang als Vize war.

Haben Sie vor Turnieren eine spezielle Ernährung?

Deuschle: Ich muss gut essen. In der Aufbauphase nehme ich 6000 bis 7000 Kalorien zu mir, vor allem Eiweiß. Schwein ist nicht so gut, also Fisch, Pute oder Rind. Hauptsächlich setze ich auf pflanzliches Eiweiß, beispielsweise aus Hülsenfrüchten, aber auch Eiweißpräparate. Der Muskelaufbau geht über Jahre, dazu braucht man viel Geduld. Bei mir in meinem Alter geht es eher darum, die Kraft zu erhalten. Da kann man nicht mehr viel Neues aufbauen. Ich bin ja froh, dass ich noch mit den Jungen mithalten kann.

Spielt Doping in Ihrem Sport eine Rolle?

Deuschle: Es gibt bestimmt Doping, dafür gibt es jedoch Kontrollen. Wenn man in meinem Alter noch Doping braucht, ist man arm dran.

Kann man von dem Sport leben oder brauchten Sie immer noch einen anderen Job?

Deuschle: Ich war als Soldat in der Sportfördergruppe, danach habe ich bei Daimler Industriemechaniker gelernt und einen Halbtagesjob gemacht. Inzwischen bin ich als Versicherungsfachmann selbstständig und kann mir den Tag einteilen.

Wie oft und wie lange trainieren Sie?

Deuschle: Mindestens zwei Stunden täglich, fünf bis sechs Mal die Woche. Ich lasse das Training nur sein, wenn ich mich schlapp oder krank fühle. Neben Beruf und Gemeinderat bleibt da nicht mehr viel Zeit übrig. Meine Urlaube sind eigentlich immer Trainingslager.

Verletzt man sich häufig bei dem Sport?

Deuschle: Mir ist schon mal der Bizeps gerissen. Sehnen und Muskeln bekommen gerne mal etwas ab. Gut aufwärmen ist hier sehr wichtig. Wer einen Leistenbruch oder Bandscheibenvorfall hatte, braucht keine Highland-Games machen.

1989 waren Sie deutscher Juniorenmeister im Kugelstoßen, 1990 Militärweltmeister. War Olympia nie ein Thema?

Deuschle: Doch, aber mir kam 1990 die Wiedervereinigung in den Weg, die Athleten aus der ehemaligen DDR waren einfach besser. Meine persönliche Bestweite liegt übrigens bei 19,17 Metern, der Weltrekord liegt bei 23,12 Metern.

Wie kommt man vom Kugelstoßen zu den Highland-Games?

Deuschle: Beide Sportarten sind miteinander verwandt. Kugelstoßen ist eine klassische Disziplin, die Highland-Games mit den Kilts sind lockerer. Dabei gibt es folgende verschiedene Kraftsport-Disziplinen: Hammerwerfen, Steinstoßen, Gewicht hoch werfen, Gewichte weit werfen und Baumstämme schleudern, das sogenannte Caber Toss. Früher haben die Könige bei diesen Spielen die Besten für ihre Leibgarde gesucht. Wer in den acht Disziplinen der Beste war, war dann König der Athleten. Und ich habe 2018 den WM-Titel geholt.

Die Highland-Games sind damit ja viel spektakulärer als das Kugelstoßen.

Deuschle: Highland-Games werden immer populärer, auch außerhalb von Schottland, wo Tausende zu den Turnieren kommen. Der prominenteste Vertreter der Kraftsportler ist vermutlich zurzeit Hafthor Björnsson aus Island, den viele aus seiner Rolle als „der Berg“ in „Game of Thrones“ kennen. Er hat 2018 den Titel „World’s Strongest Man“ gewonnen. In seiner Heimat ist er ein Nationalheld. Ich habe ihn bei einer Weltmeisterschaft in Island kennengelernt. Neben ihm wirke selbst ich zierlich. Er ist für uns so etwas wie damals Arnold Schwarzenegger fürs Bodybuilding.

Auch hierzulande findet der Sport immer mehr Anhänger, oder?

Deuschle: Zu den Workshops kommen bis zu 20 Leute. Es geht nicht alleine um Kraft, die Technik ist das A und O. Bis die richtig sitzt, dauert es drei bis vier Jahre. Beim Werfen von Baumstämmen beispielsweise beginnt man mit 20 Kilogramm schweren Stämmen und steigert sich langsam bis auf 80 Kilogramm. Es ist gar nicht leicht, den Stamm so zu werfen, dass er sich überschlägt. Übrigens haben bei den Highland-Games auch zierlichere Athleten eine Chance. Es gibt eine Gewichtsklasse für alle unter 90,7 Kilogramm. Und einen Frauenwettbewerb.

Woher kommen denn die Steine, die Sie werfen?

Deuschle: Ich hole sie in Zizishausen und ein Steinmetz bringt sie dann auf das gewünschte Gewicht. Bei Turnieren werfen alle den gleichen Stein, da kann jeder ausprobieren, wie er ihm in der Hand liegt.

Was macht die Faszination des Kraftsportes für Sie aus?

Deuschle: Es ist eine positive Sucht. Die meisten Kraftsportler sind ganz gemütliche Bären. In der Leichtathletik hilft man sich gegenseitig und tauscht sich aus, da gibt es eine gute Kameradschaft. Körper und Geist tut es auch gut. Wenn man aufhört, merkt man es weniger an den Muskeln als mental. Selbst nach einer langen Pause reagieren die Muskeln sofort wieder auf den Trainingsanreiz.

Was sollte jemand tun, der sich für diese Art Kraftsport interessiert?

Deuschle: Erst waren wir bei der TG, dort haben wir jedoch mit unseren Geräten Löcher in den Rasen gemacht. Nun haben wir beim SV Hardt eine Heimat gefunden. Hier trainieren regelmäßig vier Highlander und zwei Strongmen, die noch mal andere Kraftsportdisziplinen trainieren. Wer den Sport kennenlernen möchte, kann gerne vorbeikommen. Wir machen keine Sommerpause und sind Montag, Dienstag, Donnerstag und Samstag ab 18 Uhr da. Am besten ist es, vorher unter brunodeuschle@web.de Kontakt aufzunehmen.

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