Zwischen Neckar und Alb

Gier und Leichtgläubigkeit ausgenützt

Historie Johann Georg Frasch war Geisterjäger, falscher Arzt, Schlitzohr und Betrüger. Dieter Kunzmann hat über den Heininger ein Theaterstück geschrieben, das im Juli im Freien aufgeführt wird. Von Marcus Zecha

Regisseur Dieter Kunzmann mit zwei seiner Spieler (links Simon Schardt als Johann Georg Frasch) bei der Probe für das Stück „Der
Regisseur Dieter Kunzmann mit zwei seiner Spieler (links Simon Schardt als Johann Georg Frasch) bei der Probe für das Stück „Der Wunderdoktor von Heiningen“ in der Zeller Schule.Foto: Staufenpress

Johann Georg Frasch war im 19. Jahrhundert bekannt als Geisterjäger und falscher Arzt, er schlug skrupellos Profit aus dem Aberglauben seiner Mitmenschen und wurde schließlich als Hochstapler und Betrüger verurteilt. Nein, zum strahlenden Helden taugt der berühmt-berüchtigte Sohn Heiningens sicher nicht - zur schillernden Figur einer wundergläubigen Zeit mit Parallelen zu heute dagegen schon. Jetzt hat Dieter Kunzmann aus Zell unter Aichelberg ein Theaterstück über das Leben des „Wunderdoktors von Heiningen“geschrieben, das im Juli im Hof der Michaelskirche aufgeführt wird.

Kunzmann kam durch Zufall an die Geschichte von Johann Georg Frasch (1817-1877). Der Heininger Bürgermeister Norbert Aufrecht war schon länger fasziniert von dem historischen Stoff und suchte jemanden, der daraus ein Theaterstück machen könnte. Bei einem Familientreffen fand er ihn. Aufrecht, der Schwager von Kunzmanns Tochter, sprach den erfahrenen Theatermann an, und dieser war gleich angetan von der skurrilen Geschichte.

Ein halbes Jahr lang recherchierte der langjährige Referent des Evangelischen Bildungswerks in alten Gerichtsakten, Festschriften und Geschichtensammlungen, um mehr über den „Heilkünstler“zu erfahren. Schnell war für ihn klar, dass „der Frasch einfach schwäbisch sprechen muss“. Aber auf Schwäbisch zu sprechen und zu schreiben, auch das erkannte er bald, sind zwei Paar Stiefel. Die Schriftform hat ihre Tücken und ist oft schwer lesbar. Also bat der gebürtige Ulmer den Mundartdichter Bernd Merkle um Rat und gab ihm das Manuskript zum Lesen.

Ansonsten brauchte Dieter Kunzmann für sein Stück wenig Hilfe: In Zell hat er an der Seite seiner Frau, der Theaterpädagogin Anne Kunzmann, zu zahlreichen spritzig-originellen Inszenierungen beigetragen. In 27 Jahren sind dort im Theater „Action Pudding“ 600 Mädchen und Jungen ans Theater herangeführt worden - mit beachtlichem Erfolg. Bei der Aufführung des „Wunderdoktors von Heiningen“werden neben blutigen Anfängern denn auch einige ehemalige Mitglieder von „Action Pudding“ auf der Bühne stehen.

Doch zurück zu Frasch: Wie kam es, dass dieser sich so lange ungestraft bereichern konnte? Kunzmann weiß: Nicht nur die ärmere Bevölkerung war damals empfänglich für Scharlatane. Entsprechend habe der Aberglaube Blüten getrieben. „Das war die Stunde der Wunderheiler“, sagt der 70-Jährige. Frasch war der Sohn eines Schäfers und habe gelernt, wie man Schafen mit Heilkräutern und Tinkturen helfen kann.

Mit Glück und Geschick ergaunerte Frasch in kurzer Zeit ein kleines Vermögen. Durch Gerichtsakten belegt ist, dass er einer Witwe seine Dienste als Geisterjäger angetragen hat. Damit sie ihm Glauben schenkte, polterte und rumorte er nachts in ihrem Haus. Als Lohn für seine „erfolgreichen Bemühungen“ überließ ihm die Bäuerin zwei Grundstücke. Ein noch größerer Coup des Heiningers trieb die Hüttisheimer Bank, damals eine angesehene Leihkasse, in den Ruin. Von ihr hatte sich Frasch für den Kauf eines ehemaligen Hofguts Geld geliehen - ohne es jemals zurückzuzahlen.

Betrügereien flogen auf

Irgendwann flogen die Betrügereien dann doch auf: Frasch wurde wegen „schweren gewerbsmäßigen Betrugs“erst zu zehn Jahren und - als im Zuge seines Widerspruchs weitere Fälle hinzukamen - sogar zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Eine zentrale Szene des Stücks ist die fiktive Begegnung von Frasch mit Johann Christoph Blumhardt im Gmünder Zuchthaus. Darin kommt der berühmte Bad Boller Pfarrer offenbar nicht allzu gut weg. Denn auch wenn Kunzmann dem Kirchenmann keine bösen Absichten unterstellt, ist er doch überzeugt: Beide, Frasch und Blumhardt, haben damals vom Aberglauben der Menschen profitiert.

Gegen seine eigene Erkrankung half Johann Georg Frasch übrigens kein Wunder. Im Jahr 1877 starb der Wunderdoktor im nahen Jebenhausen an der Wassersucht. Seinem zweifelhaften Ruhm tat dies keinen Abbruch. Jene Mischung aus Faszination und Fassungslosigkeit angesichts seines Lebenslaufs, die aus vielen Berichten von Zeitgenossen durchscheint, wird wohl auch die Zuschauer in Heiningen erfassen.

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