Zwischen Neckar und Alb

Glücksfall schmückt Tortengrundstück

Verband der Metallindustrie setzt mit dem Neubau auf dem Hengstenberg-Areal ein Zeichen

Fließende Formen, runde Übergänge – so präsentiert sich der Neubau, der gegenwärtig am Hengstenberg-Areal seiner Vollendung entgegenstrebt.

Katrin Kussinna und Hansjörg Schwarz bringen die Blob-Architektur mit ihren organischen Formen nach Esslingen. Foto: Roberto Bul
Katrin Kussinna und Hansjörg Schwarz bringen die Blob-Architektur mit ihren organischen Formen nach Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin

Hermann Dorn

Esslingen. Rechter Winkel? Selbst wer genau hinschaut, wird ihn nur an wenigen Stellen entdecken. Der damit verbundene Verzicht auf die übliche Strenge führt zu einer Architektursprache, die Esslingen zwischen Innenstadt und Mettingen einen eleganten Hingucker verschafft. Mit geschwungenen Formen entwickelt der Baukörper unterhalb der Weinberge eine Sogwirkung, die einer Einladung gleichkommt. Die Bewegung in dem Gebäude erfasst den Betrachter, nimmt ihn mit.

So viel steht schon Wochen vor der Eröffnung fest: Esslingen erhält mit diesem Neubau einen markanten Eingang. Fachleute wie der Erste Bürgermeister Wilfried Wallbrecht sprechen von einem Glücksfall für die städtebauliche Entwicklung. Die ganze Tragweite dieser Einschätzung wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, wie die Alternativen zu dieser Lösung ausgesehen haben. Als vor zehn Jahren hinter der Zukunft des Hengstenberg-Areals ein dickes Fragezeichen stand, gab es ernsthafte Interessenten, die hier wechselweise oder zusammen eine Tankstelle, ein skandinavisches Bettenhaus oder einen Supermarkt realisieren wollten. Als sich später die Erkenntnis durchsetzte, dass das Areal eine Chance für die Stadtentwicklung bedeutet, waren solche Nutzungen vom Tisch.

Zum Zug gekommen sind Katrin Kussinna und Hansjörg Schwarz vom Architekturbüro fritzen 28 mit ihrem Entwurf, weil sie mit dem Verband Südwestmetall einen aufgeschlossenen Bauherren gefunden haben. Geschäftsführer Rüdiger Denkers betont zwar, dass die Funktion für seine Seite im Mittelpunkt stand und steht. Die alte Adresse der Bezirksgruppe Neckar-Fils in Krummenacker platze aus allen Nähten. Nun gelte es, zeitgemäße Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. „Zu unserem Selbstverständnis gehört aber auch, dass wir uns zeigen wollen“, sagt er.

Unterhalb der Weinberge beweisen Bauherr und Architekten, dass sich dieses Ziel sehr wohl mit Kostenbewusstsein in Einklang bringen lässt. „Gute Architektur muss nicht teuer sein“, betont Denkers und verweist auf die Erfahrungen mit dem laufenden Projekt. Die Vorgaben, dass der Verband für den neuen Standort maximal 8,1 Millionen Euro ausgeben will, lassen sich mit geschwungenen Formen einhalten. Auch die Rechnung für ein ambitioniertes Energiekonzept geht auf. Die höheren Kosten für eine Wärmepumpe, die in der Nähe auf das Grundwasser zurückgreift, werden sich innerhalb von acht Jahren amortisieren.

Mit dem neuen Stadteingang findet in Esslingen eine neue Tendenz ihren Niederschlag, die in der Architekturwelt weltweit seit mehr als zwei Jahrzehnten für Furore sorgt. Sie ist als Nicht-Standard-Architektur oder einfacher als Blob-Architektur (Blob von Klecks) bekannt und hat bereits im Neubau des Möbelhauses Rieger in Sirnau sichtbare Spuren hinterlassen. Fließende und runde Formen kennzeichnen Vorbilder wie das Kunsthaus Graz, die Allianz-Arena in München oder die City Hall in London.

Die Blob-Architektur ist nicht unumstritten. Weil ihre Bauten für sich stehen, fehlt oftmals der Bezug zur Umgebung. In Esslingen geht dieser Vorwurf ins Leere. Denn die Architekten aus der Mittleren Beutau haben sich intensiv mit dem Zuschnitt des Grundstücks – es gleicht einem Tortenstück – auseinandergesetzt.

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