Zwischen Neckar und Alb

Gymnasium zieht die Notbremse

Schule Das Plochinger Modell mit G8 und G9 erfreut sich sehr großer Beliebtheit. Im kommenden Schuljahr fehlen voraussichtlich 50 Plätze. Von Claudia Bitzer

Der Weg ins Plochinger Gymnasium wird im Herbst voraussichtlich nicht allen offenstehen, die dorthin wollen.Archiv-Foto: Rudel
Der Weg ins Plochinger Gymnasium wird im Herbst voraussichtlich nicht allen offenstehen, die dorthin wollen.Archiv-Foto: Rudel

Das Plochinger Gymnasium gehört zu den größten Schulen im Land. Und zu den nur 44 Modellschulen, an denen die Schüler nicht nur nach acht, sondern auch erst nach neun Jahren ihr Abitur machen können. Und es erfreut sich großer Beliebtheit. Diese eigentlich sehr glückliche Konstellation führt aber dazu, dass das Schulgebäude voll ausgelastet ist. Weil in zwei Jahren nur zwei G8-Klassen mit 55 Schülern abgehen werden, muss die Schule jetzt schon vorsorgen. Während sie in den vergangenen Jahren immer sechs bis sieben Eingangsklassen mit bis zu 200 Schülern bilden konnte, darf sie zum kommenden Schuljahr nur 150 Kinder in fünf Klassen aufnehmen.

In einem Brief, den er auch an die Nachbarkommunen weitergeleitet hat, bereitet Plochingens Bürgermeister Frank Buß die Grundschuleltern schon einmal darauf vor, dass sie ihre Kinder am 21. und 22. März zwar am Plochinger Gymnasium anmelden können. Doch die Schule werde voraussichtlich nicht alle Kinder aufnehmen können, es werde höchstwahrscheinlich zu „Schülerlenkungsverfahren“ kommen. Sprich: zu Abweisungen und Umverteilungen an andere Schulen. Glücklich ist keiner darüber, am allerwenigsten Schulleiter Heiko Schweigert.

Das Plochinger Gymnasium ist vom bisherigen Raumprogramm her auf 5,8 Züge ausgelegt, aktiviert man alle Reserven, bekommt man 6,3 Züge unter. Was die Schule getan hat. Mehr Luft nach oben ist auch mittelfristig nicht zu erwarten. Denn der Gemeinderat hatte sich im vergangenen Jahr im Zuge der Ausgestaltung der künftigen Schullandschaft und des Sanierungsbedarfs am Gymnasium festgelegt, dass die Schule sechszügig bleiben soll - „so wie es auch vom Regierungspräsidium vorgesehen ist“, so Buß. Schweigert hatte indessen für den Ausbau auf sieben Züge plädiert, zumal sich die Anmeldezahlen in den vergangenen Jahren immer mehr in diese Richtung bewegt hätten.

70 Prozent der Schüler kommen aus Deizisau, Altbach, Wernau, Hochdorf, Reichenbach oder Lichtenwald. Doch die Nachbarkommunen wollen sich nicht an der Finanzierung des Gymnasiums beteiligen. Und so sah und sieht sich die Stadt auch nicht dazu in der Lage, ohne dauerhafte Mitfinanzierung der Nachbarn den millionenschweren Ausbau alleine zu schultern. Buß: „Wir wollen unseren Status halten und nicht noch weiter wachsen. Wir haben eine Obergrenze.“ Schweigert: „Ich kann die Entscheidung der Stadt nachvollziehen, auch wenn ich mir eine andere gewünscht hätte und sie uns in eine schwierige Situation bringt.“

Der Engpass, der jetzt auf Eltern und Schule zukommt, wäre aber so oder so gekommen. Darin sind sich Buß und Schweigert einig. Denn er ist der Tatsache geschuldet, dass es mit der Einführung des G9-Modellversuchs vor fünf Jahren in Plochingen zwei G8-Klassen gibt, die ihre vier G9-Parallelklassen in Klassenstufe acht überholt haben und mit ihren insgesamt 55 Schülern eine eher dünne Klassenstufe bilden. Die wird dann mit dem Abitur 2020 die Schule verlassen - und damit keinen Platz für 170 bis 200 neue Fünftklässler schaffen. „Da wir diese Entwicklung schon frühzeitig sinnvoll abfangen müssen, können bereits im kommenden Schuljahr lediglich fünf Eingangsklassen mit maximal 150 Schülern gebildet werden“, heißt es in dem Brief an die Eltern.

Geht man von einem gleichbleibenden Andrang auf das Plochinger Gymnasium aus, werden in diesem Jahr jedenfalls bis zu 50 Kinder erst nach Ostern erfahren, dass sie sich eine andere Schule suchen müssen. Nach Auskunft des Regierungspräsidiums „weisen die Gymnasien im regionalen Umkreis von Plochingen ausreichende Aufnahmekapazitäten auf“, sagt Pressesprecherin Lumpp.

Das Regierungspräsidium rät jedenfalls den Eltern, die zwischen dem Plochinger Gymnasium und einer anderen Schule schwanken, gleich „dem Alternativstandort den Vorzug zu geben“.

Nach welchen Kriterien wird ausgewählt?

Dass Schüler umverteilt werden müssen, kommt immer wieder vor. Vor allem in Städten, die mehrere Gymnasien haben. „Schülerlenkung“ oder „Klassenausgleichsmaßnahmen“ heißt das im Behördendeutsch. Die Schulen müssen sie über die Bühne bringen, das Regierungspräsidium begleitet sie dabei.

Für die Auswahl der Kinder gibt es klare Kriterien. Doch zuerst müssen alle Anmeldungen vorliegen, dass die Schule sehen kann, bei wem welches Kriterium greift und wie dann gewichtet wird. So darf das Plochinger Gymnasium keine Nachbarkommune pauschal ausgrenzen - was die Schule auch gar nicht will. Der Schulweg spielt aber sehr wohl eine große Rolle. Bei jeder Anmeldung wird auf den Einzelfall geschaut. Zu den Kriterien gehören besondere Bildungsangebote (Plochingen: G8/bilingualer Zug/Streichergruppe), Geschwisterkinder an der Schule, die Entfernung der Schule zum Wohnort und zudem die ÖPNV-Verbindungen.

Kann man taktisch wählen? Nein, sagt der Plochinger Schulleiter Heiko Schweigert. Denn je nachdem, wie sich die Anmeldungen am Ende verteilt haben werden, entscheidet sich auch die Klassenbildung. Die Schule darf auch nicht alle G8-Anmeldungen aussortieren und sich auf ihr Alleinstellungsmerkmal G9 konzentrieren. cb

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