Zwischen Neckar und Alb

Hände weg vom Steuer?

Professor Dr. Willi Diez von der Nürtinger Hochschule für Wirtschaft und Umwelt zum autonomen Fahren

In den USA ist der erste tödliche Unfall mit einem selbstfahrenden Auto geschehen. Ist diese Technik damit tot? Professor Dr. Willi Diez bezieht Stellung.

Wie gefährlich ist es trotz entsprechender Technik, wenn der Fahrer einfach die Hände in den Schoß legt?Foto: Carsten Riedl
Wie gefährlich ist es trotz entsprechender Technik, wenn der Fahrer einfach die Hände in den Schoß legt?Foto: Carsten Riedl

Jetzt ist ja der erste Unfall mit einem selbstfahrenden Auto passiert. Haben Sie damit gerechnet?

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WILLI DIEZ: Das ist gleich zum Einstieg eine schwierige Frage. Klar: Das Risiko ist da. Wir wissen alle: Wenn wir ins Auto steigen, kann etwas passieren. Aber was jetzt geschah, ist natürlich nicht nur ein Betriebsunfall. Das halte ich schon für einen Rückschlag für das autonome Fahren. Ich habe nicht damit gerechnet. Aber man muss wissen: Wenn ich mit solchen Beta-Systemen fahre, ist die Gefahr natürlich höher als bei einem voll automatisierten System.

Was ist denn ein Beta-System?

DIEZ: Tesla hat ja immer gesagt: „Es ist noch nicht das ultimative selbstständige Fahren. Du musst weiterhin voll in den Fahrprozess eingriffsbereit sein!“ Aber es ist auch hier wie meistens: Das Kleingedruckte lesen die Leute nicht. Und dort steht, dass das System nicht so weit ist, dass es wirklich erlaubt, sich anderen Dingen im Auto zu widmen.

 Werden denn diese Testfahrer nicht gebrieft?

DIEZ: Das war kein Testfahrer. Tesla hat die Autopilot-Funktion als normale Ausstattung angeboten. So was ist in den USA für den normalen Straßenverkehr zugelassen. Möglicherweise hätte man im Fahrzeug einen deutlicheren Hinweis anbringen sollen. Das ist wie bei der Zeitung: Viele Leute lesen halt nur die Überschrift. Aber nicht mehr den Artikel.

Glauben Sie trotz des Unfalls, dass diese Technik Zukunft hat?

DIEZ: Auf jeden Fall. Das autonome Fahren entlastet uns von vielen Dingen. Und ermöglicht es uns, in Verkehrssituationen, in denen man nicht selbst am Lenkrad ist, was anderes zu machen. Zum Beispiel im Stau oder bei langen Autobahnfahrten. Und trotzdem kann man damit individuell unterwegs sein. Sonst könnte man natürlich sagen: „Die Leute sollen halt Bahn fahren. Da können sie ja auch lesen oder Videos gucken.“ Diese Technologie wird kommen. Und das wird auch nicht so weit in der Zukunft sein. Aber dann muss das wirklich hundertprozentig klappen. Und da sehe ich die Entwicklungsphilosophie der deutschen Hersteller bestätigt.

 Und worin besteht die?

DIEZ: Die sagen: „Wir wollen nicht immer die Ersten sein. Sondern erst auf den Markt kommen, wenn die Technologie wirklich ausgereift ist.“ BMW hat ja sinnigerweise am Tag, nach dem dieser Unfall bekannt geworden ist, vermeldet, dass sie 2020 oder 2021 ein autonom fahrendes Auto auf den Markt bringen wollen.

Befürchten Sie also nicht, dass die deutschen Hersteller das genauso verschlafen wie die Elektromobilität?

DIEZ: Nein. Die Elektromobilität haben sie übrigens auch nicht verschlafen. Das hört sich ja immer so an, als ob die Leute jetzt wie verrückt Elektroautos kaufen wollen. Und die Deutschen nicht liefern können, sondern nur die Japaner und Franzosen. Aber so ist es ja nicht.

Wenn wir bei den Deutschen sind: Ist nicht jeder Deutsche ohnehin der beste Autofahrer und gibt das Steuer nicht gern aus der Hand?

DIEZ: Ich seh das nicht so. Natürlich gibt es weiter Menschen, die leidenschaftlich gerne hinterm Lenkrad sitzen. Aber das werden immer weniger. Das hängt auch mit dem Verkehrsgeschehen zusammen: Wo hab ich denn zum Beispiel noch freie Straßen? Das Auto ist zum Großteil vom Fahrzeug zum Stauzeug geworden. Und viele wollen auch lieber das Smartphone als das Lenkrad in der Hand haben.

Staus sind ja nicht zuletzt wegen der Kolonnenspringer so nervig, durch die ständig gefährliche Situationen entstehen. Und schneller geht’s doch trotzdem auch für die nicht.

DIEZ: Da könnte das autonome Fahren verkehrsberuhigend sein. Und auch gemütsberuhigend. Ich beobachte das auch. Und ich muss auch immer wieder den Kopf schütteln, wenn einer meint, er müsse jetzt 20-mal die Spur wechseln – und trotzdem ist er am Ende keine Nasenlänge voraus. Das sind vielleicht noch solche Restbestände des aktiven Fahrens. Durch das autonome Fahren könnten die Leute das vielleicht relaxter angehen.

Befürchten Sie nicht, dass die Akzeptanz dafür darunter leidet, dass viele Angst davor haben, auf derselben Straße mit jemand unterwegs zu sein, der seine Hände nicht am Steuer hat?

DIEZ: Das wird ein Gewöhnungsprozess sein. Das autonome Fahren wird sicher nicht zuerst in der extrem schwierigen Innenstadt-Situation eingeführt. Dort haben wir ja nicht nur Autos und Lkws, sondern auch Fußgänger und Radler. Man fängt sicher zuerst auf der Autobahn an, wo die Sache relativ überschaubar ist. Dann kommen die Landstraßen und erst in der dritten Stufe die Stadt.

Herr Diez, glauben Sie denn nun, dass die Unfallzahlen letztlich mit dieser neuen Technik zurückgehen, gleich bleiben oder steigen?

DIEZ: Ganz klar: zurückgehen.

Sie sind ja ein bekennender 911er-Fan. Würden Sie sich in einen selbstfahrenden Porsche setzen?

DIEZ: Klar. Ich könnte mir auch durchaus vorstellen, in meinem 911er im Stau (zum Beispiel, wenn ich um 17 Uhr nach Nürtingen rein oder raus will) nicht mehr zu schalten und zu walten – wie ich es sonst sehr gern tue. Sondern dann eben auch E-Mails zu lesen oder Videos zu gucken.

Professor Dr. Willi Diez
Professor Dr. Willi Diez