Zwischen Neckar und Alb

Hilfe für mehr Selbstbestimmtheit

Gesetzliche Betreuer kümmern sich um Erwachsene mit Handicap – Entmündigt sind ihre Klienten aber nicht

Kreis Esslingen. „Es ist wichtig für mich, dass ich Selbstständigkeit habe“, sagt Ute Schlotterer. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl in der Werkstatt für

Behinderte in Esslingen, in der sie Gummiringe über Kolben stülpt. Für ihre Kollegen ist die 50-Jährige eine Art mütterliche Freundin, bei der man sich ausheult, sie um Rat fragt. Und Ute Schlotterer ist sichtlich stolz auf diese Rolle und diesen Job. Daran, dass sie das erreichen könnte, hatte sie nach dem Schlaganfall, der sie mit Ende 30 hart getroffen hatte, nicht geglaubt. Sie war zunächst im Pflegeheim, weit weg, am Bodensee, hatte keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter. Dass das nun nicht mehr so ist, hat sie unter anderem der Frau zu verdanken, die sie an diesem Tag in der Werkstatt besucht: Jutta Nimmrichter.

Nimmrichter ist gesetzliche Betreuerin und beim Betreuungsverein Esslingen angestellt. Sie und ihre Kollegen kümmern sich um volljährige Menschen im ganzen Landkreis, die ihre Angelegenheiten wegen Demenz, körperlicher und geistiger Behinderung oder psychischen Erkrankungen nicht mehr alleine regeln können. Im Fall von Ute Schlotterer hat Jutta Nimmrichter organisiert, dass die Wohnung der damals frisch geschiedenen Frau aufgelöst wird, sie in eine Behinderteneinrichtung im Landkreis verlegt wird und einen Job bekommt.

Klarstellen möchten die gesetzlichen Betreuer, dass die Betroffenen durch sie nicht entmündigt werden. Bei gesundheitlichen Fragen hätten Klienten, wenn sie verstehen, worum es geht, immer das letzte Wort, betont Nimmrichters Kollegin Claudia Zeiler-Keil. Betreuer sind gesetzlich verpflichtet, persönlichen Kontakt zu ihren Klienten zu halten, sie nach ihren Wünschen zu befragen. „Unser Leitspruch ist: So viel Betreuung wie nötig und so wenig wie möglich.“ Zeiler-Keil hat aktuell ihren ersten Fall in mehr als 20 Jahren Dienstzeit, bei dem eine psychotische Frau zwangsbehandelt und zudem kurzzeitig fixiert wird, um andere nicht zu verletzen. „Wir gehen davon aus, dass der Nutzen, den sie durch die Behandlung hat, größer ist als der Schaden durch den Zwang, der auch traumatisch sein kann“, erklärt Zeiler-Keil. Die Regel sei das aber nicht.

All das bedürfe darüber hinaus eines Expertengutachtens sowie der Erlaubnis durch das Betreuungsgericht. Das betrifft die meisten Entscheidungen, die die Betreuer fällen. So kann etwa nicht einfach ein Haus verkauft oder das Konto eines Klienten geplündert werden, wie laut Zeiler-Keil viele befürchten.

Gesetzliche Betreuer müssen alles dokumentieren, der bürokratische Aufwand wird immer größer. Die Betreuerinnen halten die Vergütung ihrer Arbeit für zu gering. Die monatlich festgelegten Pauschalbeträge gingen oft von weniger Arbeitsstunden aus als nötig und die Löhne seien seit zehn Jahren nicht erhöht worden. Nun wird das Thema politisch diskutiert. „Wir hoffen, dass die Sätze erhöht werden“, sagt Nimmrichter.

Der Gesetzgeber will, dass vorrangig Ehrenamtliche als rechtliche Betreuer arbeiten. Tatsächlich kümmern sich viele um die Angelegenheiten ihrer Verwandten. Leute, die das auch für Fremde tun, gibt es aber leider nur wenige, sagen die Frauen vom Betreuungsverein. Zudem würden häufig familiäre Zusammenhänge auseinanderbrechen und immer mehr Betreuungsbedürftige ohne Verwandte dastehen, die sich um sie kümmern. „Das ist ein Spannungsfeld“, sagt Claudia Zeiler-Keil. Der Betreuungsverein Esslingen hat etwa 20 ehrenamtliche Helfer, die die Rechtsbetreuung auch für sie fremde Personen übernehmen. Gemeinsam mit dem Verein für Betreuungen versucht er zudem, mehr Leute für dieses Ehrenamt zu gewinnen, gibt Schulungen und berät. Dafür erhalten die beiden Vereine Fördergelder von Land und Landkreis. „Rechtlicher Betreuer kann eigentlich jeder sein, der in der Lage ist, seine eigenen rechtlichen Angelegenheiten zu regeln“, sagt Claudia Zeiler-Keil. Jene, die es hauptberuflich machen, sind häufig Sozialpädagogen, wie Zeiler-Keil und Nimmrichter, oder Juristen und Banker.

Oft macht die Betreuer die Lage ihrer Klienten betroffen. „Was mich schon immer wieder berührt, ist Armut“, sagt Zeiler-Keil. Viele kämen durch psychische Erkrankungen oder Schicksalsschläge in eine prekäre Situation und dann nicht mehr aus dieser heraus. „Das sind Menschen, die in der durchorganisierten, straffen Gesellschaft keinen Platz mehr haben.“ Trotzdem will Zeiler-Keil nicht sagen, dass sie an ihre Grenzen kommt. „Man ist Fachkraft. Trotz schwieriger Lebenssituationen führt unsere Arbeit vor allem dazu, dass es den Leuten besser geht.“

Zu diesen Leuten gehört auch Ute Schlotterer. „Jetzt hab‘ ich endlich, was ich will: Mein Kind und meinen eigenen Haushalt“, sagt sie. Die 50-Jährige wohnt in einer eigenen Wohnung in Ostfildern mit ambulanter Betreuung. Ihre nun erwachsene Tochter, die in einer Behinderteneinrichtung in einem Nachbarlandkreis wohnt, besucht sie regelmäßig. Bevormundet habe sie sich durch Nimmrichter nie gefühlt, sagt Schlotterer – außer am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit. „Da war ich etwas penetrant – sonst wäre sie im Pflegeheim geblieben“, erklärt die Betreuerin. Heute will Schlotterer nicht mehr ohne ihre Betreuerin sein. „Sie ist immer da, wenn ich sie brauche.“

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