Zwischen Neckar und Alb

„Ich bin bisher vier Mal geflogen“

Umwelt Grünen-Verkehrsexperte Matthias Gastel hält Inlandsflüge für überflüssig und macht sich Sorgen um die deutsche Autoindustrie. Im Interview erklärt der überzeugte Bahnfahrer warum. Von Thomas Zapp

Matthias Gastel sitzt seit 2013 für die Grünen im Bundestag und ist Mitglied im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur und dort bahnpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Der Filderstädter Abgeordnete hatte jüngst mit einer Initiative zur Abschaffung von Inlandsflügen auf sich aufmerksam gemacht.

Warum ist Bahnfahren in Deutschland teurer als Fliegen?

Matthias Gastel: Das kann man pauschal gar nicht sagen. Sowohl bei Flügen als auch bei der Bahn gibt es Riesenspannen, das kann manchmal daran hängen, ob sie zwei Stunden früher oder später buchen. Man kann vielleicht sagen: Bahnfahren ist manchmal zu teuer, Fliegen ist meistens zu billig. Die Bedeutung von Flugzeug und Bahn können Sie nicht gleichsetzen. Die Bahn ist ein Verkehrsmittel der Alltagsmobilität und zentral für viele Pendler, das Flugzeug eher nicht.

Grünen-Politikern wird oft vorgeworfen, Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Wie sieht es denn mit Ihrem Mobilitätsverhalten aus?

Gastel: Wenn ich nicht im Bundestag sitzen würde, wäre ich nie geflogen. So waren es insgesamt vier Mal, zwei Mal davon von Stuttgart nach Berlin, weil die Bahn gestreikt hat. Ein Mal war ich in England, bin mit der Bahn hingefahren und musste aus Zeitgründen mit dem Flieger zurück. Ein Mal war ich in Kopenhagen mit dem Flieger und fuhr mit der Bahn zurück. Das war es. Aber es ist richtig, dass nicht alle Parteifreunde so konsequent sind oder so konsequent sein können.

Können Sie nachvollziehen, dass Leute ein Billigticket für einen Wochenendtrip nach Venedig kaufen?

Ich finde, dass man mit billigen Flugpreisen Fehlanreize setzt. Kurztrips, egal wohin, machen in meinen Augen häufig keinen Sinn. Der ökologische Schaden steht dann in keinem Verhältnis zum Nutzen. Und warum muss Urlaub bei einigen automatisch eine Flugreise bedeuten? Ich verstehe nicht, dass man sich im Sommer in Mexiko an den Strand legt, wenn man das auch an der Ostsee kann.

Wie wollen Sie die Zugtickets billiger bekommen?

Aktuell ist es so, dass für Bahnfahrkarten im Nahverkehr sieben Prozent Mehrwertsteuer gezahlt werden und im Fernverkehr 19 Prozent. Beim grenzüberschreitenden Fliegen liegt die Mehrwertsteuer bei null Prozent. Da herrscht eine Ungleichheit. Generell sollten Bahntickets durchgehend mit sieben Prozent besteuert werden und für Flüge der volle Mehrwertsteuersatz gelten. Dann werden noch für jeden gefahrenen Zugkilometer Trassenpreise gezahlt, eine Art „Schienen-Maut“. Die wollen wir auch senken, um Spielräume für weitere Tarifsenkungen zu schaffen. In Summe könnten die Bahntickets um deutlich mehr als zehn Prozent billiger werden.

Und gleichzeitig sollen Flüge teurer werden?

Kerosin sollte wie Kraftstoff fürs Auto besteuert werden, dann werden Flüge automatisch teurer.

Und wenn die Flugzeuge dann einfach im Ausland tanken?

Es gibt Möglichkeiten, auch mitgeführtes Kerosin zu besteuern. Wir wollen aber ohnehin, dass Kerosin europaweit besteuert wird.

Nun ist der Flugverkehr nur für 0,3 Prozent der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich. Bestraft man da nicht die Falschen?

Sie müssen bedenken, dass die Klimaeffekte in der Atmosphäre um den Faktor zwei bis fünf stärker sind. Weil die Klimawirksamkeit von Flugreisen nicht nur auf dem CO2-Ausstoß beruht, sondern bei der Verbrennung von Kerosin Stickoxide, Aerosole und Wasserdampf entstehen, die zur Erwärmung der Erdatmosphäre beitragen. Diese Stoffe wirken sich in luftiger Höhe durch den langsamen Abbau stärker aus als am Boden und vergrößern den Treibhauseffekt entsprechend. Wenn Sie ein schwach besetztes Auto mit einem voll besetzten Flieger vergleichen ist der Verbrauch pro Person beim Flieger geringer, aber die klimaschädigende Wirkung ist größer.

 

Welche Flugstrecken wollen Sie in Deutschland überflüssig machen?

Wir wollen Kurzstreckenflüge überflüssig machen. In der Definition sind das meist Strecken, auf denen man mit der Bahn drei oder maximal vier Stunden unterwegs ist. In diesem Bereich ist die Bereitschaft groß, bei einem vergleichbaren Preis auf die Bahn umzusteigen. Demnach ist Stuttgart - Berlin keine Kurzstrecke, denn dort sind sie derzeit noch deutlich länger mit der Bahn unterwegs. Wir denken auch an den Ausbau der Sprinter-Verbindungen zwischen Metropolen, auf denen die Bahn dann mit attraktiven Fahrzeiten aufwarten kann.

Neben den Vielfliegern stehen neuerdings auch Fahrer so genannter SUVs am Pranger. Halten Sie SUV-Verbote für sinnvoll?

Der Trend zu diesen Fahrzeugen ist bedenklich. Sie haben einen hohen Verbrauch, belasten das Klima besonders und benötigen in der Herstellung mehr Ressourcen. Der Kauf verbrauchsintensiver Fahrzeuge muss durch einen Aufschlag teurer werden. Daraus kann es dann Kaufhilfen für E-Autos geben, aber eben nicht aus dem Steuer-Etat. Warum soll jemand, der kein Auto hat, anderen den Kauf eines solchen mitfinanzieren, wie das heute der Fall ist?

Setzt denn die deutsche Autoindustrie die richtigen Anreize?

Es gibt zurzeit zwölf Länder, die ab 2030 oder spätestens ab 2040 keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr neu zulassen wollen. Wir leben vom Export unserer Autos auch dorthin und müssen uns auf sich verändernde Märkte einstellen. Aber unsere Automobilwirtschaft tut häufig so, als gäbe es noch eine große Zukunft für Verbrenner. Auf der IAA gab es jenseits der Autos aus der alten Welt überwiegend Hybride. Mit reinen Stromern geizen die Hersteller nach wie vor. Besonders wenig gibt es davon bei Daimler. Da mache ich mir wirklich Sorgen. Von den deutschen Herstellern betreibt VW das Thema am konsequentesten.

Kann denn die Batterie überhaupt die Lösung für die Zukunft sein?

Ja, zumindest Teil einer Lösung. Der andere Teil der Lösung sind Bus, Bahn und Fahrrad. Ich ärgere mich immer, wenn die Kritiker die Begriffe falsch benutzen. Die Brennstoffzelle ist auch ein Elektroantrieb, nur dass sie Strom mithilfe von Wasserstoff während der Fahrt erzeugt. Wasserstoff wird derzeit aber leider meist noch mit Erdgas hergestellt, weshalb die Umweltbilanz negativ ist. Wasserstoff aus Strom herzustellen ist noch sehr ineffizient und damit nicht wirtschaftlich. Da ist das batterieelektrische Auto im Vorteil.

Der Nürtinger Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel möchte, dass Zugtickets billiger werden. Foto: Jean-Luc Jacques
Der Nürtinger Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel möchte, dass Zugtickets billiger werden. Foto: Jean-Luc Jacques

Könnte der gesamte Verkehr schon jetzt auf Elektro umgestellt werden?

Am einfachsten ist das bei der Bahn. Wir müssen dafür mehr Strecken mit Oberleitung versehen und mehr Güter auf die Bahn bringen. Bei Lkw haben Sie ein Problem: Die Energiekapazität der Batterie reicht für die meisten Transportwege nicht. Hier werden die Brennstoffzelle und E-Fuels interessant. Wichtig ist, die Forschung dafür voranzutreiben.

Aber stehen Elektroautos in der Gesamtbilanz nicht schlechter da als konventionelle Verbrenner?

Aktuelle Studien zeigen, dass batteriebetriebene Autos eine bessere Umweltbilanz als Verbrenner aufweisen. Diese wird mit mehr Ökostrom besser. Ich gehe davon aus, dass wir eines Tages 100 Prozent Ökostrom haben werden.

Wird dann klimatechnisch mit dem Elektroauto alles gut?

Nein, entscheidend ist, dass wir unsere Mobilität mit weniger, dann aber mehr gemeinschaftlich und intensiver genutzten Autos organisieren. Wir müssen die Rohstofffrage stellen und die betrifft das Auto als Ganzes, egal mit welchem Antrieb. Für Stahl und Aluminium müssen Erz und Bauxit gefördert werden, was häufig unter schlimmsten Arbeitsbedingungen geschieht. Die Verarbeitung erfordert einen hohen Energieaufwand und einen hohen Wasserverbrauch. Dabei steht das Auto im Durchschnitt 23 Stunden am Tag und nimmt Platz weg. Im Schnitt sitzen 1,4 Personen im Auto, in der Hauptverkehrszeit sind sie noch schlechter ausgelastet und verstopfen gerade dann die Straßen. Wir brauchen einen intelligenteren Einsatz emissionsfreier Autos und Verlagerungen auf alternative Verkehrsmittel.

Damit wären wir wieder bei der Bahn. . .

Ja. Seit 1992 wurde das Straßennetz um 40 Prozent vergrößert, das Schienennetz wurde um 20 Prozent geschrumpft. Jetzt muss endlich mal die Schiene ausgebaut werden. Aber wir werden auch in Zukunft Autos brauchen, insbesondere im ländlichen Raum. Auch dort werden sie emissionsfrei sein.

Matthias Gastel ist dafür, Kerosin wie Kraftstoff fürs Auto zu besteuern. Foto: Carsten Riedl
Matthias Gastel ist dafür, Kerosin wie Kraftstoff fürs Auto zu besteuern. Foto: Carsten Riedl
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